Teil 1: Dekolonisierung
Aufgrund des großen Interesses am Vortrag von Dr. Rolf Sutter beim XXXI. Weltkongress der heraldischen und genealogischen Wissenschaften in Oslo (12.-17.08.2014) zum Thema „die in den letzten 50 Jahren neu entstandene Staaten und ihre Heraldik und Emblematik“ haben wir beschlossen, die Inhalte als Serie in unserem Blog zu veröffentlichen.
Hier finden Sie den 1. Teil der Serie (Einführung, Teil 1: Neu entstandene Staaten durch Dekolonisierung; noch nicht erschienen: Teil 2: Neu entstandene Staaten durch den Zusammenbruch des Ostblocks, Teil 3: Neu entstandene Staaten durch ethnischen Separatismus, Teil 4: Formen der 117 Identitätszeichen) .
Teil 1: Dekolonisierung
Insgesamt sind durch die Dekolonisierung seit 1960 80 neue Staaten entstanden.
Allein die Anzahl der seit 1960 selbständig gewordenen Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent beträgt 42, was bedeutet, dass es hier die höchste Koloniedichte gab. Auf die anderen Kontinente verteilen sich 38 ehemalige Kolonien.
Die Weltkarte von 1898 zeigt die an der Kolonisierung beteiligten Mutterländer und ihre Kolonial-Gebiete.
Afrika als phänotypisches Koloniengebiet
Seit 1880 gab es einen regelrechten “run” auf Afrika und die europäischen Mächte teilten Afrika endgültig unter sich auf.
Hauptakteure hierbei waren England, Frankreich, Portugal, Spanien, Italien, Belgien und Deutschland.
Die Dekolonisation setzte allgemein nach dem Zweiten Weltkrieg ein (obwohl es vorher schon unabhängige afrikanische Staaten gegeben hatte) und erreichte den Höhe- punkt in den 60er und 70er Jahren.
Dabei wurden ab 1960
16 ehemalige Kolonien von Frankreich,
15 von Großbritannien,
5 von Portugal,
3 von Belgien
3 von anderen
unabhängig.
Das Bild Afrikas nach dem Abschluss der Dekolonisierung
Heute besteht der Kontinent aus 53 Einzelstaaten, von denen 11 bereits vor der Haupt-Dekolonisierungswelle in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts bestanden haben.
Da es nicht möglich ist, hier 42 neue Staatsembleme und ihren Werdegang im Einzelnen vorzuführen, werden repräsentativ die Demokratische Republik Congo und Togo und Kamerun vorgestellt.
Demokratische Republik Congo
Das Gebiet des heutigen Staates kam 1885 unter belgische Kolonialherrschaft. Nach der Unabhängigkeit wechselten mehrere Diktaturen und Bürgerkriege, die aufgrund der Verwicklung zahlreicher afrikanischer Staaten als Afrikanischer Weltkrieg bekannt wurden. Gemäß dieser wechselvollen Geschichte wechselten auch die Nationalitätszeichen des Landes mehrfach.

1960 Republik Kongo (genannt Kongo-Léopoldville) 1961 Bundesrepublik Kongo (genannt Kongo-Léopoldville)

1964 Demokratische Republik Kongo (genannt Kongo-Léopoldville) 1966 Demokratische Republik Kongo (genannt Kongo-Kinshasa)
Togo und Kamerun
1885 Beginn deutscher Kolonialpolitik in Afrika unter Kaiser Wilhelm I.
Es entstehen die Protektorate
Deutsch Ostafrika (Tanganjika und Sansibar), Deutsch Westafrika (Togoland und Kamerun) und Deutsch Südwestafrika (heute Namibia).
Die Gebiete wurden durch die Deutsche Kolonialflagge repräsentiert:
schwarz, weiß und rot waagerecht gestreift, in der Mitte eine weiße Scheibe mit dem Reichsadler.
Ab 1912 gab es Bestrebungen, die deutschen Kolonien durch eigene Zeichen kenntlich zu machen, wie zum Beispiel England es tat, das die jeweilige Kolonie durch ein sogenanntes Badge mit landestypischem Motiv auf der Nationalflagge präsentierte (hier Uganda).
Es entstanden Wappen- und Flaggen-Entwürfe, die vom Deutschen Kaiser Wilhelm II. 1914 noch genehmigt wurden, aber wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges nicht mehr zum Einsatz kamen.
Togo
deutsche Kolonie von 1884 bis 1916, umfasste die heutige Republik Togo und den östlichsten Teil des heutigen Ghana. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs von seinen Nachbarn erobert, wurde es 1914 offiziell den Briten übergeben und 1916 zwischen Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. 1960 wurde Französisch-Togoland zur unabhängigen Republik Togo.
Kamerun
ging laut Versailler Vertrag von 1919 an den Völkerbund über, der das Mandat zur Verwaltung an die Briten und Franzosen gab. Die Kolonie wurde in ein Britisch-Kamerun und ein Französisch-Kamerun aufgeteilt. Bei der Unabhängigkeit von 1961 schloss sich der größere Teil von Britisch Kamerun dem französischen Teil an.
Zum Beitrag Das Wappen und die Flagge von Kamerun: hier klicken
Staatenbildung in Europa, Nah-Ost, Fern-Ost, Lateinamerika, Ozeanien und Asien
In Europa, Nah-Ost, Fern-Ost, Lateinamerika, Ozeanien und Asien, gab es in der Zeit zwischen 1960 und 2012 insgesamt 38 Unabhängigkeitserklärungen, 27 wurden in den 1960er bis 1980er Jahren von Großbritannien unabhängig.
Der Rest entfällt auf USA, Neuseeland, Australien, Niederlande, Portugal, Malaysia u.a.

Von USA, Portugal, Neuseeland, Niederlande, Malaysia und Australien und anderen unabhängig gewordene Staaten/Territorien
Beispiel Vanuatu
Der aus 83 Inseln bzw. Inselgruppen bestehende Staat im Südpazifik ging 1980 aus dem seit 1906 bestehenden britisch-französischen Kondominium Neue Hebriden hervor.
Während der Kolonialzeit wurde das Gebiet ausschließlich durch Flaggen repräsentiert.
Gemäß englischer Kolonialtradition wurde das erste Badge im Jahre 1906 eingeführt: eine Tudor-Krone mit kreisförmiger Umschrift: „New Hebrides“.
Das heutige Staatswappen von Vanuatu:
ein vor einem Berg mit gekreuzten Farnwedeln und einem Eberstoßzahn stehender Krieger mit Speer. Im goldenen Spruchband das Motto des Landes „Long God yumi stanap“ „Zu Gott erheben wir uns“.
Fallbeispiel Samoa
Als „Deutsch-Samoa“ erhielt das Deutsche Reich durch Vertrag vom 16. Februar 1900 mit Großbritannien und den USA die beiden Samoainseln Upolu und Savaiʻi.
Wie für die afrikanischen Kolonien gab es kurz vor 1914 auch für Samoa Wappen- und Flaggenentwürfe, die aber wegen des Beginns des Ersten Weltkriegs nicht mehr zum Einsatz kamen.
1914 besetzten neuseeländische Truppen den deutschen Teil der Samoa-Inseln. Neuseeland erhielt 1920 Westsamoa als Völkerbundmandat, 1946 als Treuhandgebiet. Gemäß britischer Tradition, wurde das Gebiet nicht durch eigene Wappen, sondern mit sogenannten Badges auf den Flaggen repräsentiert.
1962 von Neuseeland in die Unabhängigkeit entlassen, nahm Samoa ein eigenes Staatssymbol an, in dem das Palmen-Motiv sowohl aus der deutschen wie auch der neuseeländischen Kolonialgeschichte wiederkehrt.
Vorschau: Lesen Sie nächste Woche den 2. Teil unserer Serie: Neu entstandene Staaten durch den Zusammenbruch des Ostblocks













