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Sie sind hier: Startseite1 / Ahnenforschung (Genealogie) und Heraldik Blog – Pro Heraldica2 / Familienforschung3 / Ein „geborener Seemann“

Ein „geborener“ Seemann

Gelegentlich treten dem Genealogen aus der langen Ahnenreihe einer Familie Persönlichkeiten mit einem nicht nur ungewöhnlichen, sondern geradezu abenteuerlichen Schicksal entgegen.

Ein Vorfahre mit einem sehr bewegten Lebensweg fand sich in der Gestalt eines gewissen Charles van D., seines Zeichens Vater der Auftraggeberin. Was nun macht diesen so außergewöhnlich? Die Identität dieses Ahnen blieb lange Zeit schwer greifbar. Bekannt war nur, dass er der Mutter der Auftraggeberin in Duisburg begegnet war, auch lagen mehrere Briefe von ihm an diese vor. Er war Seemann gewesen und hatte in Antwerpen gelebt. Van D. ist gerade in Antwerpen ein extrem häufig anzutreffender Name [der vollständige Name wird hier aus Datenschutzgründen nicht angegeben] und auch der Vorname Charles/Karel/Karl war im 20. Jahrhundert in diversen europäischen Nationen stark verbreitet. Als einzige weitere Information war der Name der norwegischen Reederei bekannt, auf deren Schiffen er zur See gefahren war. Eine schwierige Forschungsaufgabe stand also bevor: Wie konnte jemand identifiziert werden, von dem kaum Angaben bekannt waren?

Archivrecherche

Nachdem zahlreiche, sich aus der Namensgleichheit ergebende, vermeintliche Funde verworfen werden mussten, förderten tiefergehende Recherchen schließlich den Aufbewahrungsort der Akten jener inzwischen aufgelösten Reederei im Norwegischen Staatsarchiv in Oslo zu Tage.

Hier findet sich Charles in mehreren Gehaltslisten zwischen April und Dezember 1949. Weitergehend stellte sich heraus, dass er als Motor-Mechaniker einen deutlich höheren Verdienst hatte als ein einfacher Matrose: die Umrechnung aus norwegischen Kronen in Deutsche Mark ergibt für 1949 ein ungefähres Jahreseinkommen von 4.770 DM – damit hätte er damals in der Bundesrepublik beinahe einen VW Käfer der Standardausführung erwerben können. Es ist anzunehmen, dass es ihn als Binnenschiffer im Vorjahr an den großen Binnenhafen Duisburg verschlagen hatte, ehe er beschloss, bei einer Reederei anzuheuern. Eine weitere interessante Information aus den Gehaltslisten war das Geburtsdatum, der 3. April 1924 – ein bisher unbekanntes Datum.

Auf diesem Schiff war Charles v. D. zwischen 1951 und 1955 unterwegs:

Die MS Bastogne (CMB Archiv Antwerpen/Compagnie Maritime Belge)

Geburtsort von Charles v. D.: Chateu-Thierry bei Reims/Frankreich

geburtsort-charles-v-D

Der „geborene Seemann“

Eine wirkliche Überraschung war auch die Ermittlung des Geburtsortes dieses weitgereisten Seemanns: wie die Standesamtsarchivalien ergaben, war Charles die Seefahrerei in die Wiege gelegt worden – nicht nur handelte es sich bei seinem Vater um einen Binnenschiffer, er selbst wurde sogar an Bord eines Schiffes, der Portos geboren, die um diese Zeit auf der Marne in Frankreich unterwegs war und zum Zeitpunkt der Niederkunft bei Chateau-Thierry in der Nähe von Reims festgemacht hatte.

Recherchen bei weiteren Archiven, wie dem Staatsarchiv Bremen, dem Firmenarchiv der Hapag-Lloyd AG sowie sowohl dem Reichsarchiv als auch dem Stadtarchiv Antwerpen ergaben, dass Charles in den 50er Jahren als Seemann unter anderem New York, Dänemark, Spanien, die Kapverden, Angola und den Kongo per Schiff besucht hatte.

Dort verlor sich allerdings fürs Erste seine Spur. Weiterführende spezielle Nachforschungen brachten dann tatsächlich noch den Sterbeort und sein Sterbedatum sowie ein Foto von ihm als jungem Mann zu Tage. Auch Fotos seines Bruders und seiner Mutter konnten aufgespürt werden.

Alle diese spektakulären Forschungsergebnisse waren für seine Tochter – die Auftraggeberin der Familienforschung – mit tiefen Emotionen verbunden, zumal sie bis dahin so gut wie keine Informationen über ihren Vater gehabt hatte.

Frohen Mutes kann man für weitere Forschungen allemal sein, zeigt das Beispiel Karel van D. doch Folgendes: Durch beharrliche und ausgeklügelte Recherchen von erfahrenen Genealogen können auch bei nur marginalen Informationen selbst weitgereiste Weltenbummler identifiziert werden – eine einmalige Lebensgeschichte den Nachkommen mitteilen zu können sind es solche Recherchen immer wert, unternommen zu werden. Insbesondere bislang unbekannte Abbildungen der Vorfahren sind für heute lebende Nachkommen verständlicherweise von großer Bedeutung.

byLeo Boenisch/4. September 2024/inFamilienforschung

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