Ein Palindrom für uneheliche Kinder
Das schöne bei unseren Forschungen ist, dass wir immer wieder etwas dazulernen. Wissen Sie, was ein Palindrom ist? Bei einem Palindrom (altgriechisch παλινδρομος = „palindromos“, zu Deutsch: rückwärtslaufend) handelt es sich um ein Wort, das rückwärts und vorwärts gelesen gleich ist. Allerdings werden auch Wörter zu den Palindromen gezählt, die rückwärts gelesen eine andere Bedeutung erhalten.
Und genau um so ein Wort, das rückwärts gelesen eine andere Bedeutung erhält, geht es in einer unserer aktuellen Forschungen.
Der Name „Eggink“ ist ein Palindrom zum Familiennamen „Knigge“. „Eggink“ ist also rückwärts gelesen „Knigge“. Und dieser Familienname kommt uns dann in jedem Fall bekannt vor und ist deutlich häufiger vertreten.
Doch warum führt jemand statt des tradierten Familiennamens dessen Palindrom?
Palindrom statt adligem Namen
Laut Familienüberlieferung sollte ein Carl Friedrich Eggink im damaligen Kurland (heute Lettland) wegen „nicht standesgemäßer Eheschließung“ von seinem Vater gezwungen worden sein, den bisherigen adligen Namen „von Knigge“ abzulegen und in den bürgerlichen Namen „Eggink“ umzukehren.
Diese These konnte die durchgeführte Forschung eindeutig widerlegen, denn Carl Friedrich Eggink wurde am 30. März 1806 im Alter von 14 Jahren in Goldingen (Kuldīga/Lettland) konfirmiert. Sein Familienname lautete schon zu diesem Zeitpunkt „Eggink“. Folglich konnte er nicht wegen einer „nicht standesgemäßen Eheschließung“ zur Änderung des Namens gezwungen worden sein, denn sein Nachname war ja schon im Jahr 1806 Eggink.
Viel wahrscheinlicher war, dass er ein unehelicher Sohn eines Barons von Knigge gewesen sein könnte. Dringend war also nach der Taufe des Carl Friedrich Eggink zu suchen. Doch in welcher Pfarrei? Nachdem sich in den Kirchenbüchern von Goldingen seine Konfirmation und auch die seiner Brüder Ferdinand Diederich Eggink (1810), Fromhold Eggink (1815) und Alex Gerhard Eggink (1817) hatten nachweisen lassen, lag es nahe, in Goldingen auch nach ihren Taufen zu suchen.

Eintrag zur Konfirmation Friedrich Carl Egginks in Goldingen. Er steht an 15. Stelle (Abschrift Seuberlich)
Die Taufen fanden sich aber in Goldingen nicht, weshalb die Suche auf die Kirchspiele der Umgebung ausgeweitet wurde. Durchgesehen wurden die Kirchenbücher folgender Orte: Eckau, Hasau, Kandau, Tuckum, Landsen, Zabeln, Hasenpoth und Sackenhausen. Fündig wurde der Forscher schließlich in Sackenhausen (Saka/Lettland):
Taufname Eggink
Am 9. Juni 1799 hat die „Ausspeiserin Friedenreich“ hier ihren Sohn Fromhold Gottfried und am 5. September 1802 ihren Sohn Alexander Gerhard taufen lassen. Als Vater dieser beiden unehelichen Friedenreich-Söhne hat sich jeweils ganz ausdrücklich der Baron Friederich Diederich von Knigge bekannt.

Im Eintrag zur Taufe des Fromhold Gottfried, Sohn der „Ausspeiserin Friedenreich“ zu Bredenhof, ist mit dem „H(errn) Baron v. Knigge“ ausdrücklich der Vater angegeben
Ebenfalls in Sackenhausen fand sich dann auch die Taufe des Carl Friedrich Eggink. Zwar fehlt hier der ausdrückliche Vermerk, dass sich der Baron von Knigge auch zu ihm als Vater bekannt hat. Dass der Baron von Knigge dennoch der Vater von Carl Friedrich gewesen sein muss, ergibt sich daraus, dass Carl Friedrich – genau wie seine jüngeren Brüder Ferdinand Diederich, Fromhold Gottfried und Alexander Gerhard – den Nachnamen „Eggink“ führte. Hätte er einen anderen Vater gehabt, wäre dies kaum möglich gewesen, denn die Mutter hieß ja jeweils „Friedenreich“ mit Nachnamen.
Diese urkundlichen Auskünfte reichen völlig aus, um in Friederich Diederich von Knigge ganz eindeutig den leiblichen Vater, zu sehen.
Da die Frage bezüglich der korrekten Anbindung des Carl Friedrich Eggink an die Familie von Knigge besonders wichtig erscheint, hier nochmals die zusammengefasste Argumentationskette für die Sicherung der Filiation von Carl Friedrich Eggink zu Friederich Diederich von Knigge:
4 Söhne und 1 Tochter namens Eggink
Es lässt sich dokumentieren, dass die „Ausspeiserin“ (Haushälterin) Friedenreich eine um 1789 geborene Tochter und vier Söhne hatte, die alle den Namen Eggink führten. In den Taufeinträgen der beiden jüngsten Söhne ist ausdrücklich vermerkt, dass sich der Baron Friedrich Diederich von Knigge zu ihnen als Vater bekannt hat. Es widerspräche jeder Logik, wenn die drei älteren Kinder ebenfalls den Namen Eggink erhalten hätten, obwohl sich der Baron zu diesen nicht bekannt hätte, beziehungsweise wenn er nicht deren Vater gewesen wäre. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass der Baron und die Ausspeiserin Friedenreich seit mindestens 1788 und bis 1803 in einer eheähnlichen Verbindung miteinander lebten und alle während dieser Zeit geborenen Kinder sowohl ihr wie auch ihm zuzuordnen sind.
Laut Kirchenbucheintrag in Sackenhausen wurde der Carl Friedrich Eggink in Sallenen geboren. Dies ist der Ort, wo sein Großvater, der Baron Heinrich Georg Christoph von Knigge (der Vater des Barons Friederich Diederich von Knigge) am 12. Dezember 1792 verstarb: Der Erbherr auf Pewicken und Labbraggen starb „im Hofe Sallenen“. Wahrscheinlich ist dies also auch der Hof, auf dem Carl Friedrich Eggink geboren wurde. Weshalb die Taufe dann in Sackenhausen stattfand, ist unklar, aber eine für die Familienforschung glückliche Fügung. Denn dies ist der Grund dafür, dass dieser Taufeintrag überhaupt erhalten ist, während sich in den Kirchenbüchern von Sallenen (Appriken mit Amboten, Asuppen und Sallenen) sich keine Taufe eines Knigge, Eggink oder Friedenreich findet.
Der Vater, Baron Friederich Diederich von Knigge, ist am 22. März 1803 auf dem Bredenhof verstorben. Er war erst ab dem 22. Juli 1798 auf Bredenhof nachweisbar; am selben Tag wurde dort auch die Haushälterin Friedenreich aufgeführt. Er erscheint auf der Liste der adeligen Kommunikanten Sackenhausen von 1798 und sie auf der Liste der bürgerlichen Kommunikanten Sackenhausen von 1798. Auch dies ist ein deutlicher Hinweis auf die Zusammengehörigkeit beider. Am
14. August 1803, dem Tag der Eheschließung der Tochter Anna Elisabeth Eggink, wohnte die Familie der „Ausspeiserin Friedenreich“ noch zu Bredenhof. Die Eheschließung der Tochter ist im Kirchenbuch Sackenhausen vermerkt.
Nach dem Tod des vielfachen Familienvaters Friederich Diederich von Knigge trat der „aus dem Hannoverschen“ stammende Baron Wilhelm Karl Ernst von Knigge, der am 28. August 1803 in Sackenhausen die Anna Dorothea Sophia Ernestine von Vietinghoff (Tochter des Herrn von Vietinghoff aus Schnepeln) heiratete, dessen Erbe an. Bei ihm handelt es sich um den am 11. Juni 1771 in Leveste bei Hannover geborenen Sohn von Georg Wilhelm von Knigge (geboren in Thale am 27. November 1731) und Enkel von Friedrich Wilhelm von Knigge (geboren in Bixten am 2. März 1698), der seinerseits ein Bruder von Friedrich Casimir von Knigge war.
Wilhelm Karl Ernst von Knigge war demnach ein Vetter zweiten Grades des verstorbenen Friederich Diederich von Knigge und übernahm mindestens den Bredenhof. Friederich Diederich von Knigges Lebensgefährtin und Mutter seiner Kinder, die Ausspeiserin Friedenreich, musste oder wollte daraufhin mit den Kindern Bredenhof verlassen und zog nach Goldingen. Sie hat nach dem Tod ihres Lebenspartners weder in Sackenhausen noch in Goldingen geheiratet. Auch muss sie später fortgezogen sein, denn ihr Tod ist weder in Goldingen noch in Zabeln nachgewiesen.
Benimm-Knigge war weitläufiger Verwandter
„Knigge“ steht heute stellvertretend für Benimmratgeber, die mit Freiherr Adolph von Knigges eher soziologisch und im Sinne der Aufklärung ausgerichtetem Werk eigentlich nichts gemeinsam haben.
Der vor allem durch seine Schrift „Über den Umgang mit Menschen“ bekannt gewordene Freiherr Adolph von Knigge (1752-1796) war ein sehr weitläufiger Verwandter von Friederich Diederich von Knigge. Zwar waren die beiden Zeitgenossen, doch ist nicht davon auszugehen, dass sie sich kannten. Beide hatten erst einen gemeinsamen dreifachen Urgroßvater, ihre gemeinsamen Wurzeln liegen damit fünf Generationen zurück.

Freiherr Adolph von Knigge

Stammwappen derer von Knigge
