Patchwork-Familien einst und heute
Was wir heute als Patchwork-Familien kennen, gab es auch schon früher – allerdings aus anderen Gründen als in unserer Zeit.
Damals waren Wiederverheiratungen keine Seltenheit – sie erfolgten oft nach dem frühen Tod eines Ehepartners und waren meist notwendig, um die Versorgung des Haushaltes und der Kinder zu gewährleisten oder um den Hof zu erhalten. Nur ein funktionierender Familienverbund konnte die weitere Existenz sichern. Ein Bauernhof ohne Bäuerin und noch dazu mit kleinen Kindern war zu dieser Zeit undenkbar. Auch in Handwerkerfamilien waren Mann und Frau für den reibungslosen Ablauf und die Koordination zwischen Arbeit und Haushalt unabdingbar.
Schnelle Wiederverheiratung überlebensnotwendig
Gründe für (meist schnelle) Wiederverheiratungen waren vielfältig: zunächst sind Krankheiten und Seuchen zu nennen; aber auch in Kriegen oder nach Unfällen starben viele junge Männer – letzteres nicht im Straßenverkehr, sondern in der Landwirtschaft. Aufgrund fehlender medizinischer Möglichkeiten waren hier überlebensnotwenige Hilfemaßnahmen nicht vorhanden. Frauen überlebten Geburten nicht immer oder starben im Kindbett, d.h. nach der Geburt. Durch mangelnde Hygiene und durch Bakterienübertragung kam es bei Wöchnerinnen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts oftmals zum Ausbruch des Kindbettfiebers. Erst durch Ignaz Semmelweis, der 1861, als die Bakteriologie noch weithin unbekannt war, die Wirkungsweise bakterieller Infektionen aufdeckte und antiseptische Behandlungsmethoden entwickelte, konnte dieser Krankheit nach und nach Einhalt geboten werden.
Viele Kinder starben sehr häufig bevor sie überhaupt erwachsen waren. Verwaiste Kinder, bei denen erst ein Elternteil und wenig später der andere starb, wo also ein Stiefvater und eine Stiefmutter die Erziehung und die Unterhaltsfürsorge zu übernehmen hatten, waren keine Seltenheit.
Für die Kinder sowie für die Eltern und Stiefeltern bedeuteten solche Lebenseinschnitte damals wie heute eine große Herausforderung, die gemeistert werden musste. Ein guter Familienzusammenhalt innerhalb der Großfamilie sowie gegenseitige Hilfe und Unterstützung waren notwendig, um das Überleben und das Glück der Kinder zu gewährleisten. Auch die seelischen Wunden wie Trauer und Einsamkeit wollten geheilt werden – das war in früheren Generationen nicht anders als heute.
Muttermilch von Ammen oder stillenden Müttern
Neugeborene, deren Mütter nach der Geburt starben, wurden notfalls zunächst von einer Verwandten oder der Patin versorgt; es gab noch keine käufliche Baby-Nahrung. Oft half eine Amme bzw. eine andere stillende Mutter mit Muttermilch aus. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Methode angewandt; zu dieser Zeit gab es dann aber schon – zumindest in den Städten – Muttermilch-Sammelstellen für solche Fälle. Kinder, deren Mutter früh starb, wuchsen entweder mit einer Stiefmutter auf, wenn der Vater sich wiederverheiratete, oder sie kamen bei Onkeln und Tanten etc. unten. Selten zogen die jungen Witwer oder Witwen ihre Kinder alleine groß; meist halfen die Großeltern ihren Kindern und Enkeln, wenn sie im selben Ort bzw. auf demselben Hof wohnten.
Zu allen Zeiten – vor allem in Notlagen – erleichterte ein guter Familienzusammenhalt die Bewältigung der Aufgaben und half auch den Kindern durch schwere Zeiten.
Hochzeit einen Monat nach dem Tod der Frau

Darstellung einer Begräbnisszene
Quelle: „Grüß Gott, Illustriertes Familienblatt für das christliche Haus“, Jg. XXIV, Heft 4 (1908),
S. 119.
Das folgende Beispiel aus einer aktuellen Familienforschung schildert einen entsprechenden Extremfall: der betreffende Ahn Friedrich H. war in 1. Ehe mit Johanne verheiratet. Die Hochzeit hatte am 07.04.1818 in Berlin stattgefunden. Nur vier Wochen später, im Mai, kam das erste Kind zur Welt. Bereits im Juni 1818 starb die junge Mutter Johanne an einem Fieber – 2 Monate nach der Eheschließung und 4 Wochen nach der Geburt ihres Kindes.
Am 04.07.1818 – das Kind war etwa 2 Monate alt – ging der Witwer eine 2. Ehe mit Henriette ein. Im 2. Heiratseintrag wurde vermerkt, dass er erst seit 4 Wochen Witwer sei. Die weitere Tochter Wilhelmine kam dann ein Jahr nach der Heirat mit und von der 2. Frau zur Welt. Die Stiefgeschwister wuchsen zusammen auf und es folgten weitere Kinder aus der zweiten Ehe. Die genauen Umstände sind nicht bekannt; es ist jedoch offensichtlich, dass der junge Witwer möglichst schnell eine Mutter für sein erstes Kind brauchte.
Witwe heiratet Witwer
In einer anderen Forschung im Schwäbischen begegnen wir dem Bauern Balthasar, der 1747 durch einen Hieb seines Pferdes schwer verletzt wurde und starb. Die junge Bäuerin Maria stand nun allein mit 5 kleinen Kindern da. Den Hof konnte sie nicht ohne Hilfe weiterführen. 6 Monate nach dem Tod ihres Mannes ehelichte sie einen etwas jüngeren Landwirt namens Johann Jakob, der ebenfalls schon Witwer war und 2 Kinder mit in die Ehe brachte. 7 Kinder mussten nun ernährt und aufgezogen sowie die Landwirtschaft bewältigt werden. Das Zusammenleben wird nicht immer reibungslos gewesen sein. Allerdings überlebte Balthasars Witwe Maria eine weitere Geburt nicht. Johann Jakob und die Kinder wurden wieder mit Trauer und Überlebenskampf konfrontiert. Aber sie schafften es. Eine neue Frau und Mutter kam auf den Hof, die Kinder wurden erwachsen und selbständig. Zwei der Söhne entwickelten offensichtlich trotz aller Widrigkeiten genug Willen und Kraft – sie hatten später eigene Höfe; eine Enkelin heiratete einen Bäckermeister und gehörte somit zur besser gestellten Bevölkerungsschicht. Auch wenn die Ausgangsbedingungen in dieser Familie nicht sehr gut waren, brachten es die Nachkommen zu Wohlstand und konnten ihre eigenen Familien besser versorgen als die Generationen davor.
Bei nahezu allen Familienforschungen begegnen wir Situationen und Krisen, die massiv in das Leben unserer Vorfahren eingriffen. Unsere Ahnen mussten mit großen Problemen klarkommen – sie überlebten Hungersnöte, Kriege, Krankheiten und Seuchen – sonst würden wir heute nicht existieren. In vielen Fällen gab es dennoch nach mehreren Generationen soziale und wirtschaftliche Aufstiege. Die Schwierigkeiten hatten Erfindungsreichtum und Leistung erfordert, um bessere Lebensbedingungen zu schaffen.
Kraft, Mut und Kreativität in schwierigen Lebenslagen
Jedes Mal, wenn ich entsprechende Situationen in einer Familiengeschichte entdecke und mir die einzelnen Schicksale vor Augen führe, kann ich die Kraft, den Mut und die Kreativität wertschätzen, die unsere Ahnen in sehr schwierigen Lebenslagen aufbrachten. Wenn es früher möglich war, Krisen zu überstehen, ist es heute auch machbar.
Eine Familienforschung hilft, das Leben unserer Vorfahren kennenzulernen, die Leistungen der Ahnen wertzuschätzen und Zuversicht daraus zu schöpfen.
