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Kriegstagebuch aus dem Jahr 1945

Heute vor 76 Jahren endete der 2. Weltkrieg in Europa. Am 8. Mai 1945 trat die Bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht, die am 7. Mai 1945 in Reims (Frankreich) unterzeichnet wurde, in Kraft.

Der 8. Mai ist als Tag der Befreiung in verschiedenen europäischen Ländern ein Feiertag, wie beispielsweise in Frankreich, Tschechien und der Slowakei. In der früheren Sowjetunion war aber nicht der 8. Mai, sondern der 9. Mai als „Tag des Sieges“ ein Feiertag. In einigen Nachfolgestaaten ist dieser bis heute ein Feiertag.

Bei unseren Forschungen bekommen wir immer wieder auch Feldpost oder Kriegstagebücher eingereicht. Diese sind für die Nachkommen wichtige Dokumente ihrer Vorfahren. In manchen Fällen fassen wir die Feldpost und die Kriegstagebücher sogar zu einem eigenen Werk zusammen, damit diese für die kommenden Generationen erhalten und vor allem lesbar bleiben. Im vorliegenden Fall schildert Georg S. seine Gefangenschaft zum Ende des 2. Weltkrieges.

Bericht aus der amerikanischen Gefangenschaft

Ich wurde am 14. April 1945 in Gevelsberg abends 20.15 Uhr gefangen mit noch ungefähr 20 Kameraden. Die Amerikaner kamen aus einer ganz anderen Richtung als wir vermuteten. Wir bekommen 3 Treffer, vermutlich von einem Panzer. Es sind alle heil davon gekommen und wurden in der Schnellmarkschule gefangen. Wir wurden nach Hagen geführt und lagen eine Nacht in einer Koksfabrik. Anderntags kamen wir zurück nach Gerdsberg und lagen die 2te Nacht auf einer Wiese. Leider habe ich keine Decke und keine Zeltplane mehr und die Nächte im Freien sind sehr kalt. Am 16ten wurden wir auf Autos verladen und nach Gummersbach im Bergischen gebracht. Da lagen wir bis zum 19ten April wieder auf einer Wiese im Dreck wie die Schweine. Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Hier waren schon 65000 Menschen zusammengetrieben wie das Vieh. Das Essen ist alles Trockenkost es bekommt jeder im Tage 1 Päckchen und da ist Verschiedenes drinnen. Eine Dose Fleisch oder Käse, Schokolade, Zucker, Bohnenkaffee gemahlen, auch 3 Zigaretten u. Bonbon. Am 20 wurden wir wieder verladen 120 Mann auf einem Wagen Mann an Mann gepresst, da konnte keiner umfallen. Wir fuhren zirka von abends 9 Uhr bis 3 Uhr früh und kamen über den Rhein und liegen jetzt schon 4 Tage bei Erpeln, das ist bei Remagen. So was hat die Welt noch nie gesehen, so zirka 400 000 Mann auf einem Platz auf einem Acker von zirka 100 Tagwerk. Hier graben alle tiefe Löcher in die Erde, um Schutz vor Kälte und Regen (zu finden). Hoffentlich sind wir nicht allzu lange hier, sonst sehen wir die Heimat nicht wieder. Man befürchtet hier Epidemien aller Art. Wir haben wohl Ärzte aber keine Medikamente hier und das ist schlimm. Die Amerikaner sind nicht schlecht, aber so viele Leute zu versorgen, ist nicht einfach. Hier sind alle männlichen Einwohner von 15-65 aus dem Westen versammelt. Heute ist der 24. April und mein Namenstag, dieser wird mein schlimmster Tag sein und ich denke mit Wehmut und Trauer an euch.

kriegstagebuch1

II. Teil

14 Mai, Abtransport in ein anderes Lager nach Koblenz. Für uns Süddeutsche war es eine Riesen Freude, als es dem Rhein entlang ging über Andernach nach Koblenz, es ging doch etwas näher der Heimat zu. Da erfahren wir wieder das erste Mal einiges über das Schicksal Deutschlands. Post geht noch keine im ganzen Reich. Die Lebensweise habe sich nicht weiter verschlimmert. Das Schicksal über uns soll diese Woche entschieden werden. Hoffentlich hält meine Gesundheit stand. Wir waren jetzt in einem Schreckenslager bei jeder Witterung ohne Dach über dem Kopf. Jetzt sind wir wieder ohne Dach weiß Gott wie lange. Heute ist der 20te Mai und zugleich das hl. Pfingstfest. Jetzt habe ich das dritte Jahresfest in bitterer Not erlebt. Weihnachten war zu einsam, weil ich nicht zuhause bei euch Lieben sein durfte und keine Weihnachtspakete erhalten habe. Dann Ostern war wieder so traurig, weil wir eingekesselt waren und wenig zu Essen hatten und keine Post von euch Lieben. Aber das schlimmste war doch noch Pfingsten hinter Stacheldraht und fast gar nichts zu Essen. Das Essen, das uns der Ami gibt, ist zwar gut, aber viel zu wenig. Wir haben heute am Pfingstfest kalte Verpflegung erhalten, es gibt nur alle Tage einen Liter warme Suppe. Heute hat es alles roh gegeben und zwar 1 Löffel Bohnenkaffee, einen Löffel Trockenmilch drin, einen Löffel Zucker, einen Löffel reines Eiermehl aus getrockneten Eiern, einen halben Löffel Schwarztee, das ist die Früh- und Nachtkost. Für Mittag gab es heute sehr wenig, nicht mal einen Löffel Fleisch, sondern 1 Stück Käse so groß wie mein Daumen, dann 1 Löffel Sauerkraut, 1 L Tomaten und einen Löffel Erbsenmehl und rohe Kartoffeln, so, das war die ganze Verpflegung am hl. Tage, das könnte Walterle alles essen, während des Verteilens. Jetzt könnt ihr ermessen, wie wir Hunger haben und der Entlassung entgegensehen. Das Essen ist hier zum Verhungern hergerichtet. Der Amerikaner schafft viel Proviant her, aber die deutschen Lagerführer unterschlagen zu viel, die fressen wie toll und wir gehen ein. Jetzt wurden 37 Feldwebel verhaftet.

III. Teil

Wir sind heute vom Lager Block 9 und Block 2 gekommen, wie lange wir hier zu bleiben haben, wissen wir nicht. Gottseidank ist hier das Essen viel besser, wenigstens bekommen wir hier mehr Warmverpflegung und brauchen nicht mehr alles selber kochen. Auch haben wir hier bessere Zelte und sind nicht mehr direkt den Witterungslaunen ausgeliefert wie die 2 Monate. Wir hoffen alle bis 1. Juli bei euch Lieben zu Hause zu sein. Werde aber 3-4 Wochen nicht arbeiten können, bin nämlich körperlich sehr heruntergekommen. Diese Leckereien werden wir aber zu Hause noch nicht bekommen, die der Ami uns bietet. Macht aber nichts bin froh wenn es Kartoffel und Brot genug gibt.

Heute ist der 18te Juni und es kocht in unserem Lager aber nur die Sehnsucht nach Hause. So wird gerade wieder ein Transportzug verladen und zwar die Bayern aus der Richtung Bayreuth-Nürnberg-Regensburg bis nach Ingolstadt. Hoffentlich kommen bald wir dran, ich habe mich nach Augsburg gemeldet und hoffe diese Woche vom 18 bis 24 Juni wegzukommen, es sind aber einmal zu viele Leute, die haben ja alles zusammen getrieben wie die Tiere und jetzt fehlt es an Transportmitteln zum Heimtransport. Aber liebste Mutti und Kinder ich komme bestimmt bald zu euch nach Hause, ich rechne bis 1 Juli.

19. Juni 1945

Der Tag der Entlassung soll auch für mich kommen. Wir marschieren bei gleißender Sonne abends gerade vor Essensempfang ab. Das Brot dürfen wir noch mitnehmen, aber zum anderen fassen ist keine Zeit mehr. Aber Hunger tut weh und wir essen alle die Tagesration auf einen Sitz auf. Wir kommen ins Lager 4, kein Zelt, gar nichts, aber unter freiem Himmel. Ich schlupfe unter meinen Mantel bis über die Ohren, kann aber nicht schlafen, es ist sternenklare Nacht und ziemlich frisch.
20. früh 5 Uhr steh ich auf und koche Kaffee, oh der wärmt so schön. Um 7 Uhr beginnt die Musterung und Entlassung, es geht dann immer rund um von einem Schreiber dann zum anderen und dann zum Arzt und dann zum amerikanischen Offizier, der die politischen Sachen aufnimmt, zu mir sagte er: „nun alter Vater, warum warst du nicht bei der Partei?“ Ich stand still und antwortete ganz nüchtern, dann entließ er mich. Nun war es schon 4 Uhr Nachmittag und diese Hitze und nichts zum Essen weder zum Trinken. Um 6 Uhr abends gab es endlich Weißbrot, so groß wie eine Rohrnudel und eine Milchsuppe, so dick und schön mit viel Gries und Nudel und schön viel Rosinen. Diese Suppe erfreut uns alle und die gibt es auch alle Abend. Heute Nacht schlafen wir wieder unter freiem Himmel. Ich hoffe aber doch dass ich bis Sonntag den 24ten Juni in deinen Armen liege. Hoffentlich hast du was zum Essen wenn ich kommen, sonst packe ich euch an vor Hungern, gell Mutti.

2. Juli 1945

Heute Entlassung aus dem Kriegsgefangenenlager Koblenz am Rhein. Wir haben den Leidenskelch bis zur Neige geleert. Wir wurden 14 Tage lang von einem Block zum anderen geschleust und immer unter freiem Himmel. Endlich ist heute am 2ten Juli nachmittags 5 Uhr der Zug mit 2000 Bayern verladen und wir sind alle so glücklich dem Stacheldraht entkommen zu sein. Es sind jetzt 13 Wochen, dass wir immer unter freiem Himmel sind. Tiefe Furchen hat der Krieg und die Gefangenschaft in unsere Stirn gegraben, aber wir freuen uns, dass wir heil wenn auch sehr matt zurückkehren dürfen zu euch Liebsten in der Heimat.

Kriegsgefangenschaft Remagen
Koblenz den 2ten Juli 1945

Georg S.

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