Genealogie zwischen Bürgerkrieg, Sklaverei und Freiheit
18. April 1865. Seit wenigen Tagen ist der amerikanische Bürgerkrieg beendet, die Südstaaten sind besiegt. Doch nicht überall strecken die Konföderierten die Waffen. Bei einer kleinen Mühle, „Boykin Mill“, kommt es zum letzten Gefecht im Bundesstaat South Carolina. Südstaa-tentruppen haben sich hier verschanzt, um Widerstand gegen Unionssoldaten zu leisten, deren Mission es ist, Eisenbahnlinien in South Carolina zu zerstören. Einen Tag lang wird hart gekämpft, bis es den Unionstruppen schließlich unter hohem Einsatz gelingt, die Mühle einzu-nehmen. Dreizehn der Männer werden verletzt, zwei fallen. Unter ihnen befindet sich Lieu-tenant Edward Stevens, der durch eine Kugel tödlich getroffen wird. Der Schütze: Ein 14-jähriger Junge namens Burwell Henry Boykin, Sohn des Mühlenbesitzers und Sklavenhalters Alexander Hamilton Boykin.
Familiengeschichte führt in den Bürgerkrieg
Es ist selten, dass uns eine Familiengeschichte in die Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs führt. Noch seltener ist es, Ahnen erforschen zu dürfen, die im 18. und 19. Jahrhundert Sklaven waren. 1770 waren über 80.000 Menschen in South Carolina Sklaven, insgesamt 60% der Bevölkerung, in den Plantagengebieten entlang der Küste sogar bis über 80%. In den Augen vieler Weißer waren Sklaven damals als Besitz anzusehen. Sie konnten verkauft, verpfändet, vererbt, verliehen oder verschenkt werden. Daher ist es extrem schwierig, an ihre genealogischen Daten zu kommen. Einerseits, weil die Dokumentation einzelner Sklaven in den Quellen lückenhaft und spärlich ist, andererseits weil US-Unterlagen oft sehr ungenau sind und Daten stark voneinander abweichen. Einer der Sklaven des erwähnten Alexander Hamilton Boykin war Osborne D., der um 1843 in Rafting Creek nahe der Mühle geboren wurde. Boykin besaß insgesamt knapp 250 Sklaven, die er auf seinen 2.300 Hektar großen Baumwollplantagen und eben auch seiner Mühle einsetzte.
Gemäßigtes Verhalten gegenüber Sklaven
Wie viele Plantagenbesitzer der Südstaaten fürchtete auch Boykin den Verlust seines auf Sklavenarbeit beruhenden Reichtums durch den Konflikt mit den Nordstaaten, daher trug auch er seinen Teil zum Bürgerkrieg bei. So kämpfte er beispielsweise in der berühmten Schlacht am Bull Run, musste sich aber aufgrund schwächelnder Gesundheit aus dem Krieg zurückziehen. Seinen Sklaven gegenüber verhielt er sich jedoch wohl gemäßigt. Ebenso sein Sohn Alexander Hamilton Boykin II., der die Besitztümer seines Vaters nach dessen Tod 1866 übernahm. Für eine gute Beziehung spricht außerdem, dass der Sohn des Sklaven Osborne, Pharik, bis ins 20. Jahrhundert in der Mühle der Boykins arbeitete. Zu diesem Zeitpunkt war die Sklaverei abgeschafft – er muss daher aus freien Stücken als Arbeiter geblieben sein.
Würdigung für Kindermädchen
Ein gutes Verhältnis zwischen ehemaligen Besitzern und Sklaven war auch nach Ende des Bürgerkriegs keineswegs selbstverständlich. Mit Misstrauen beäugten viele die gesellschaftliche Veränderung und es gab Bemühungen, den Vorkriegsstatus wiederherzustellen. Dennoch gab es Gegenbeispiele, wie etwa 1904 aus einer Meldung der Zeitung „The People“ aus Camden hervorgeht: Ellen Jasper hatte als Sklavin 50 Jahre lang die Kinder ihres Dienstherren erzogen. Als sie starb, wurde sie in einer beeindruckenden Zeremonie beigesetzt, alle Sargträger waren weiß und gehörten zum höheren Bürgertum. Einer davon war Rechtsanwalt Wiliam P. DeSaussure – Neffe der Frau des Alexander Hamilton Boykin.
Die Boykin Mill heute: Ort einer der letzten Gefechte des amerikanischen Bürgerkriegs.

