Ahnenschwund in der Familienforschung
Bei unseren Familienforschungen stoßen wir ab und an auf ein Phänomen, das wir Ahnenschwund nennen. Dieses möchten wir Ihnen heute erklären.
Der Begriff Ahnentafel
Der Begriff Ahnentafel wird in doppelter Weise verwendet: 1. für die datenmäßige Erfassung aller bekannten Ahnen eines Individuums. 2. für die bildliche Darstellung dieser Personen in einem mehr oder minder grafischen bzw. naturalistischen Schema.
Aus mathematischer Sicht ist die Ahnentafel ein Binärbaum. Die Zahl der „Knoten“ (Ahnen) verdoppelt sich in jeder Generation, so hat man zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern und so weiter. In der vierten Generation, also vor ungefähr hundert Jahren, hat ein Mensch 16 Vorfahren, vor 200 Jahren 256, vor etwa 350 Jahren 4096 und vor 1000 Jahren 1 099 511 627 776 (!).
Ahnenschwund nach 4 bis 6 Generationen
Doch das ist nur die Theorie. In Wirklichkeit sorgt der sogenannte Ahnenschwund (Implex) dafür, dass in der Regel bereits ab der IV. bis VI. Generation Personen identische Vorfahren haben können. Das leuchtet sofort ein, wenn man bedenkt, welche Folgen die Ehe zwischen Cousin und Cousine hat – beide haben identische Großeltern, so dass unter ihren Ahnen ein Großelternpaar „fehlt“. Ein Implex bewirkt also, dass die Anzahl der tatsächlichen (verschiedenen) Ahnen niedriger ist als die theoretisch mögliche Anzahl von 2n in der n. Generation.
Ahnenschwundrate im Hochadel
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die Ahnenschwundrate bei Mitgliedern des europäischen Hochadels, bei dem Ehen innerhalb der Verwandtschaft ja durchaus Gepflogenheit waren.
| Generation | I | II | III | IV | V | VI | VII | VIII | IX | X | XI | XII |
| theoretische Ahnenzahl | 2 | 4 | 8 | 16 | 32 | 64 | 128 | 256 | 512 | 1024 | 2048 | 4096 |
|
tatsächliche Ahnenzahl |
||||||||||||
| Friedrich der Große | 2 | 4 | 6 | 10 | 18 | 35 | 63 | 118 | 201 | 357 | 627 | 1108 |
| Ahnenverlust in Prozent | 0 | 0 | 25 | 38 | 44 | 45 | 51 | 54 | 61 | 65 | 69 | 73 |
| Maria
Theresia |
2 | 4 | 8 | 16 | 26 | 50 | 74 | 113 | 158 | 238 | 351 | 569 |
| Ahnenverlust in Prozent | 0 | 0 | 0 | 0 | 19 | 22 | 42 | 56 | 69 | 77 | 83 | 87 |
| August der Starke | 2 | 4 | 8 | 14 | 23 | 39 | 52 | 74 | 122 | 196 | 302 | 499 |
| Ahnenverlust in Prozent | 0 | 0 | 0 | 13 | 28 | 39 | 59 | 71 | 76 | 81 | 85 | 88 |
Um bei der Vielzahl der Personen die Übersicht zu behalten und die Personen einander leichter zuordnen zu können, hat sich ein Nummernsystem bewährt, das 1898 von Stephan Kekulé von Stradonitz (1863-1933) eingeführt wurde und jedem Ahn eine Ziffer gibt, wobei die Ausgangsperson die Ahnennummer 1, seine Eltern die Nummern 2 (Vater) und 3 (Mutter), die Großeltern die Nummern 4 (Vater des Vaters), 5 (Mutter des Vaters), 6 (Vater der Mutter) und 7 (Mutter der Mutter) etc. erhalten. Demgemäß haben alle männlichen Vorfahren eine gerade, die weiblichen eine ungerade Ziffer. Führt ein Ahn z. B. die Ziffer 250, so erhält sein Vater die mit zwei multiplizierte Ziffer, also 500, die Mutter die 500 + 1 = 501.
Übersicht der gemeinsamen Abstammung von Königin Elizabeth II. und Herzog Philip von Königin Victoria, ihrer Ur-Urgroßmutter
Das Phänomen derselben Vorfahren gibt es ja z.B. im englischen Königshaus, hier haben die Queen und Philipp dieselben Ururgroßeltern. 
Von Joe MiGo – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45768311
