73. Genealogentag in Kleve/Niederrhein (27. – 29. Oktober 2023)

„Herzogtum Cleve – Grenzenlose Forschung“

Nachdem coronabedingt 2020 und 2021 kein Genealogentag stattfand und 2022 der Termin in Tapfheim leider in die Urlaubszeit fiel, wo aber zumindest eine Kollegin an einem Tag anwesend war, wurde Pro Heraldica dieses Jahr wieder von vier Kolleginnen vertreten.

Die ersten Vorträge fanden schon am Freitag, den 27.10.23 nachmittags statt. Dies bedeutete, früh aufzustehen und sich von Stuttgart auf den Weg ins 500 km entfernte Kleve zu machen.

Künstlichen Intelligenz des Transkriptions-programms

Ein Referat beschäftigte sich mit der Künstlichen Intelligenz (KI) des Transkriptions-programms. Die Genossenschaft READ-COOP SCE mit Sitz in Innsbruck stellte den Fortschritt ihres Projekts „Transkribus“ vor. Das System umfasst das Scannen mittels ScanTents, die Erkennung von Druck- und Handschriften mithilfe der KI, die anschließende Verarbeitung dieser maschinenlesbaren Texte (Durchsuchen, Anreichern, etc.) und die Veröffentlichung der digitalisierten Dokumente mit Transkribus Sites/read&search. Außerdem wurde erläutert, wie die KI einen Mehrwert für die Genealogen schafft und große Textkorpora (wie Zensusdaten) für die Allgemeinheit nutzbar gemacht werden können.

Peinliche Halsgerichtsordnung

Ein Vortrag klärte über die von Kaiser Karl V. 1532 erlassene „Peinliche Halsgerichtsordnung“ (kurz: „Carolina“) auf. Sie war das erste genormte weltliche Gerichtsverfahren und galt zunächst einem neuen Delikt, das erst seit der Reformation als solches entstand und geahndet werden musste: dem Pakt mit dem Teufel, der Zauberei und Verführung anderer Menschen dazu. Es war ein reiner Indizienprozess, aber für die damalige Zeit ein Fortschritt, setzte es doch über die willkürlich urteilenden Laienrichter eine akademische Juristenfakultät, die auf Basis genau protokollierter Aussagen die Laien belehrten und das Urteil sprachen. Als Beweise – für ein aus aufgeklärter Sicht gar nicht existierendes Delikt – galten allerdings Geständnisse unter der Tortur (Folter), Tatbezichtigungen, schlechter Leumund, Flucht und irrtümliche oder aus Angst gegebene Zeugenaussagen. Kein Indizienprozess der Inquisition durfte ohne Geständnis enden; die verheerenden Auswirkungen der vielen Todesurteile sind bekannt. Durch die Protokolle (Suppliken) ist die Quellenlage gut. Zwar kommen bei genealogischen Forschungen Hexenprozesse selten vor. Doch dass man bis heute Rechtsverfahren für Forschungszwecke heranziehen kann, sofern sie noch archiviert sind, geht auf die „Carolina“ zurück. Sie galt bis 1871 (Gründung des Deutschen Reichs) und wurde hier vom BGB abgelöst.

Vorträge und Führungen am Samstag

Am Samstag standen weiterhin Vorträge und Führungen auf dem Plan, u.a. ein Rundgang im Stadtarchiv von Kleve mit seinen interessanten alten Dokumenten, Fotos, Karten, Zeitungen und weiteren Beständen. Hintergrundinformationen der Archivleiterin Katrin Bürgel veranschaulichten die Praxis eines Stadtarchivs und zeigte auch Probleme eines Archivbetriebs auf. Es wurde speziell auf familiengeschichtlich interessante Personen-standsunterlagen, Adressbücher, Einwohnermeldekarten und Häuserkarteien eingegangen. Auch Nachlässe werden hier untergebracht. Das Stadtarchiv Kleve beherbergt amtliches Schriftgut für die Zeit ab dem 14. Jahrhundert. Des Weiteren ist es eine Spezialbibliothek des Kleverlandes und des niederländischen Grenzraumes. Durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs weist die Überlieferung für die Stadt Kleve von 1880 bis 1945 große Lücken auf.

Auswanderung in den Jahren 1830-1932

Eine Präsentation beschäftigte sich mit der Auswanderung bzw. den Überfahrtsbedingungen von Migranten und deren Erfahrungen an Bord in den Jahren 1830-1932. Anhand von Bildern, Verordnungen für die Unterbringung und Verpflegung an Bord sowie Briefen von Passagieren wurde der Wandel der Überfahrten anschaulich dokumentiert.

Anna von Cleve

In einem weiteren Vortrag ging es um Anna von Cleve (1515-1557), ihr Leben und Überleben am englischen Hof. Dies wurde anhand von Bildern/Gemälden auf humoristische Weise dargeboten. Zu erwähnen ist, dass sie nach ihrer widerstandslosen Eheannullierung mit Heinrich VIII. (1491-1547) den Ehrentitel „Schwester des Königs“ mit dem Alleinstellungsmerkmal „First Lady Royal“ des Königreiches erhielt. Ihr Überleben verdankte sie ihren Ahnen. Sie repräsentierte in England den europäischen Hochadel durch ihre könig- und kaiserlichen Vorfahren, die engsten Verwandten aus dem Heiligen Römischen Reich (HRR) sowie den Königreichen Frankreich und England. Alle namhaften europäischen Dynastien zieren Annas Stammtafel: u.a. Ottonen – Leopoldinische Habsburger – Wittelsbacher – angevinische Plantagenȇts – Valois-Orléans & -Bourgogne – Fränkische Hohenzollern. Erwähnenswert ist, dass sie als einzige von sechs Ehefrauen Heinrich VIII. und auch ihn überlebte. Mit ihren Nachfolgerinnen (sie war die vierte von sechs Ehefrauen) sowie mit Heinrich selbst hatte sie später ein gutes Verhältnis.

Auf die klevische Dynastie wurde auch im Rahmen der u.a. kunsthistorisch sehr interessanten Führung in der Stiftskirche St. Maria Himmelfahrt eingegangen.

Portrait Anne of Cleves by Hans Holbein the Younger (Louvre)
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Neue Homepage AGoFF

Die Vorstellung der neuen Homepage der AGoFF (Arbeitsgemeinschaft ostdeutscher Familienforscher) war sehr aufschlussreich. Dahinter verstecken sich zahlreiche, komfortabel zu bedienende Datenbanken – mit Daten und Indizierungen von unermüdlichen Forschern gefüttert, die den bestehenden Literaturbestand und neue Forschungsergebnisse erschließen. Der Datenbestand ist deutlich größer und man kann in ihm schneller recherchieren als im Schriftgut; er ist damit sinnvoll für eine Chancenermittlung der ehemals deutschen Ostgebiete. Solche Erkenntnisse ersetzen natürlich nicht die urkundliche Dokumentation, können aber als Basis dienen.

Abendprogramm und Sonntag

Am Samstagabend fand im Kolpinghaus in Kleve ein geselliger Abend statt. Hier konnte man sich von den vielen Eindrücken etwas entspannen und gute Gespräche bei regionalem Essen und Trinken führen.

Der Sonntag begann mit einem Beitrag über ein dunkles Kapitel der Geschichte in Deutschland, der Euthanasie und dem Schicksal von Familienangehörigen in der NS-Zeit. Die Referentin berichtete anhand eines Schicksals aus ihrer eigenen Familie. Ihr Schwerpunkt lag dabei auf den Pommerschen Anstalten, die einen Sonderfall in der NS-Euthanasie“ darstellen. Dabei wurde der Begriff „Euthanasie“ und weitere Fachbegriffe erläutert, die für die Erforschung von betroffenen Personen notwendig sind.

Nachmittags wurden zwei Fachvorträge besucht: zur standesamtlichen Ehe im 19. Jahrhundert (deren minutiöse urkundliche Aufzeichnung ermöglicht es z. B. durch sogenannte Nebenakten „tote Punkte“ einer Forschung zu überwinden). Und:

Der letzte Fachvortag beschäftigte sich mit Datumsangaben in Kirchenbüchern (KB) und anderen Dokumenten. Der Fokus lag auf der Entschlüsselung heute nicht mehr gebräuchlicher Datumsangaben, von römischen Ziffern über alte Monatsnamen bis zum Osterrechner sowie den Jahreskreis- und Heiligenkalendern. Auch die jahrhundertlange parallele Benutzung von julianischem und gregorianischem Kalender wurde angesprochen.

Nach diesen vielen neuen Informationen und Eindrücken und persönlichen Begegnungen mit Forschern ging es dann wieder zurück nach Stuttgart.

Rita Koch, Konstanze Wandersleb, Birgit Scheible, Ulrike Mecke

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