Rückblick 32. Internationaler Kongress für Genealogische und Heraldische Wissenschaften in Glasgow

In zweijährigem Turnus versammelt sich alles, was international Rang und Namen in Heraldik und Genealogie hat, zum wissenschaftlichen wie informellen Austausch. In der vergangenen Woche war dies zum bereits 32. Mal der Fall. Im Rahmen des XXXII. Internationalen Kongress für Genealogische und Heraldische Wissenschaften trafen sich Delegierte aus der ganzen Welt im schottischen Glasgow. Unter dem Leitthema „Ursprung und Entwicklung“ informierten über 50 Referenten über die aktuellsten Entwicklungen in ihren Disziplinen und präsentieren die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten. Wir von PRO HERALDICA durften hier natürlich nicht fehlen und waren durch Petra und Harald Heimbach sowie Dr. Rolf Sutter und mich, Clemens Kech, vertreten – wir steuerten dabei gleich zwei Vorträge bei.

Noch vor der offiziellen Stabübergabe hatten die Organisatoren zum informellen Get-Together geladen: in einem Club gab es für Kongress-Veteranen ein herzliches Wiedersehen mit alten Freunden und Weggefährten; und für die jüngeren Semester, die Möglichkeit in ungezwungener Atmosphäre neue Kontakte zu knüpfen. Unter Vollbeflaggung wurde dann tags darauf der eigentliche Kongress formell eröffnet. Die Referenten- und Themenliste war wie schon in den Jahren zuvor hochkarätig besetzt. Es versprach ein äußerst informativer Kongress in der Glasgower Tradeshall zu werden. Angesichts der Reaktionen auf unsere eigenen Vorträge dürfen wir annehmen, dass auch Dr. Sutter und ich die Erwartungen unserer Zuhörer voll erfüllen konnten: Ich, für meinen Teil, hatte mir die Ursprünge der Allgemeinen Deutschen Wappenrolle (ADW) als Thema auserkoren. Dabei ergründete ich wie es möglich war, dass aus der schlichten ADW der 1970er Jahre eine der wichtigsten Wappenrollen der Bundesrepublik werden konnten, die heute in allen großen Bibliotheken und Archiven zur Einsicht ausliegt. Nachdem der große Dr. Ottfried Neubecker der Grundstein gelegt hatte, waren es vor allem die Kooperation mit PRO HERALDICA und die professionelle Betreuung durch Dr. Rolf Sutter, die der ADW zu ihrem Erfolg verhalf und den mittlerweile ca. 7.100 Wappen ihre Rechtssicherheit per Wappenregistrierung garantiert. Im Anschluss an meine Ausführungen entwickelte sich dann eine lebhafte Diskussion über Wappenführungsberechtigung und heraldische Prinzipien, die für alle Beteiligten interessant wie fruchtbringt gewesen sein dürfte.

Der Vortrag von Dr. Rolf Sutter nahm die Ursprünge der Heraldik an sich in den Fokus und entführte uns in den Frühling der Heraldik unter dem Titel: Springtime of Heraldry – Wolfram von Eschenbach and his work Parzifal 1190-1220 – the roots of heraldry today. Dabei rekonstruierte und untersuchte er die fiktiven Wappen der Figuren in Wolfram von Eschenbachs Gedicht, um so Rückschlüsse darauf zu erhalten, welche Vorstellungen die Menschen damals von realen Wappen gehabt haben müssen. Mitunter passten die Motive in diesen fiktiven Wappen zu ihren Trägern wie die Faust aufs Auge. Sie waren deshalb sicher nicht frei von ironischen Untertönen, die ein Zuhörer aber nur verstehen konnte, wenn sie vor der Folie der Heraldik in der Realität erscheinen. Daraus lässt sich ableiten, dass die Heraldik bereits zur Zeit der Entstehung des Parzifal Identifikationsfunktion erfüllte. Auch in diesem Fall zeugten die Nachfragen aus dem Publikum vom großen Interesse der Zuhörer.

Sicher ein Highlight unserer Reise war die Teilnahme an einer Sitzung des Court Lyon – dem obersten schottischen Heroldsamt, welches seit dem 14. Jahrhundert über die schottische Heraldik wacht und zuweilen auch zu Gericht sitzt. Neben der Behandlung einiger Wappenanträge wurde im Rahmen dieser Sitzung ein neuer Amtsdiener vereidigt. Wie stark Traditionen in diesem Land präsent sind und gelebt werden, verdeutlichte nicht nur diese Institution, sondern auch die allerorten anzutreffenden Schottenmuster und Kilts, der omnipräsente Klang der Dudelsäcke – zeitgleich fand in Glasgow das internationale Piping Festival statt – sowie traditionelle (Tanz-)Veranstaltungen wie ein céilidh, das in den City Chambers abgehalten wurde.

Ein Gala-Dinner im großen Saal der Tradeshall bildete den passenden Abschluss für einen rundum gelungenen Kongress, der uns nicht nur fachlich weitergebracht hat. Es bleibt nur den Organisatoren und Helfern nochmals ein großes Lob und ein herzliches Dankeschön auszusprechen, ebenso an alle übrigen Referenten und Teilnehmer. Wir freuen uns schon auf ein Wiedersehen im französischen Arras 2018.

Die Englische Version des Blogbeitrags: http://proheraldica.com/blog/review-32nd-international-congress-of-genealogical-heraldic-science-in-glasgow/

geschrieben von: Clemens Kech

Clemens Kech

Seit 2017 wissenschaftlicher Leiter von Pro Heraldica. Geboren 1985 in Ulm studierte Clemens Kech Englisch und Geschichte am Connecticut College, USA und an der Universität Stuttgart. Seit 2007 mit unserem Haus verbunden, hat er 2016 die Leitung der Abteilung Genealogie und 2017 die wissenschaftliche Leitung von Pro Heraldica als Nachfolger von Dr. Rolf Sutter übernommen.

3 Responses

  1. Thomas Kowalski

    Kann man die Vorträge von den Herren Dr. Sutter und Kech online einsehen oder Downloaden?

    Antworten
    • Clemens Kech

      Hallo Herr Kowalski,
      bitte verzeihen Sie die Verzögerung: die beiden Vorträge werden von unseren schottischen Kollegen in Gänze in einem Kongress-Sammelband abgedruckt werden, nach dessen Erscheinen wir die Vorträge auch verfügbar machen können. Leider steht derzeit noch nicht fest, wann dies der Fall sein wird – ich muss Sie daher leider noch um etwas Geduld bitten.
      Mit freundlichen Grüßen
      Clemens Kech

      Antworten

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