Völkerwanderung

Wanderbewegung in Europa – vom europäischen zum globalen Dorf

Europa bewegt(e) sich – schon immer.

Ganze Familien, Religions- und Dorfgemeinschaften zogen mit Sack und Pack Tausende von Kilometern durch Europa. Der Bewegungsradius reichte vom Schwarzwald bis ans schwarze Meer. In den allerseltensten Fällen mit Planwagen und Gaul, fast immer zu Fuß. Die Monate vergingen, während Geburten und Todesfälle die Wegstrecke dieser unvorstellbar entbehrungsreichen Reise pflasterten.

Sie sehen, man wechselte längst nicht nur Stadt und Region, sondern auch Fürstentum, Land und sogar den Kontinent. Dies ist einer der Gründe, weshalb wir heute 300 Genealogen weltweit beschäftigen, denn Europa war ein Dorf, auch ohne Flugzeug und Internet.

Wanderbewegungen in der Geschichte Europas um 1648

Wanderbewegungen in der Geschichte Europas um 1648

Europa war mobil – und ist es noch

Ohne diese Mobilität der Menschen, gäbe es die folgende kleine Anekdote aus einer unserer Forschungen nicht zu erzählen. Diese lehrt uns, dass man von einem spanisch klingenden Namen nicht automatisch auf spanisches Blut schließen kann. So ließ sich dem Namen eines Mandanten mit etwas Phantasie spanischer Einfluss unterstellen. Die Spurensuche führte allerdings nicht nach Spanien, sondern nach Belgien. Warum Belgien, wenn der Familienname doch eher die flirrend-hitzige Luft andalusischer Weiten, anstatt Belgiens saftig grüne Wiesen assoziieren lässt? Belgien war genauso wie auch die Niederlande und Luxemburg einst unter spanischer Herrschaft. So zeigten unsere Nachforschungen wie man als Deutscher belgischer Abstammung zu einem spanisch klingenden Familiennamen kommen kann.

Auswanderung hatte viele Gründe. Motive ökonomischer Natur lassen sich wohl bei den Kaufleuten aus dem Hunsrück vermuten, die im 15. und 16. Jahrhundert nach Polen auswanderten. Sie brachten viel Geld nach Polen und waren bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts die zentrale Finanzgewalt des Landes.

Im 16. Jahrhundert wechselte man während Reformation und Gegenreformation vor allem der freien Religionsausübung wegen den Wohnort. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war zu dieser Zeit ein „Flickenteppich“ aus Fürstentümern. Je nachdem welcher „Flicken“ – d.h. Fürstentum – welche Religion hatte, wurde dieser zum Wohnort. Schließlich galt das Prinzip „Cuius regio, eius religio“, kurz: „wessen Land, dessen Religion“. So musste die Bevölkerung die Religion des Landesfürsten annehmen.

Diese lateinische Redewendung gab es zwar schon seit der Christianisierung, im Zuge der Reformation erlebte Ihre Bedeutung jedoch eine Renaissance.

Der 30jährige Krieg setzte im 17. Jahrhundert längst nicht nur die Heere in Bewegung, sondern auch die Zivilbevölkerung. Wie die literarische Figur Mutter Courage von Bertold Brecht, folgten ganze Heerscharen den Soldaten bei Ihren blutigen Raubzügen. Diese Menschen beschafften was die Soldaten benötigten und lebten selbst von dem, was nach dem Niedermetzeln der Ortschaften noch übrig blieb.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein überwogen die wirtschaftlichen Motive als Auswanderungsgrund. Die Bevölkerung explodierte und das hatte weitreichende Folgen: Mangel an Grund und Boden, zunehmende Versorgungsprobleme und wachsende Armut. So ließ der kalte Winter 1708/9 erstmals geschlossene Gruppen auswandern. Gerade in Deutschlands Südwesten brach ein regelrechtes Auswanderungsfieber aus. Allerdings blieb man zu diesem Zeitpunkt noch meist auf dem Kontinent. Auf der Liste potentieller Ziele stand damals beispielsweise ganz oben Ungarn, gefolgt von Russland und Polen.

Preusen Westfalen Sachsen um 1812

Preusen Westfalen Sachsen um 1812

Umgekehrt wartete man allerdings von jeher nicht nur passiv auf Einwanderer – man warb sie auch gezielt an. Schon damals betrieben Herrscher gezielte „Standortpolitik“, wenn sie beschlossen, an einem Ort z.B. Tuchmacher anzusiedeln. Katharina die Große (1729-1796), Zarin von Russland, war Ihrer Zeit in vielen Dingen voraus. Besonderes Geschick in Sachen „netzwerken“ bewies sie jedoch, als sie versuchte Kontakte zum württembergischen Königshof „spielen zu lassen“. Ihr Ziel: auswanderungswillige Schwaben für den Landbau und das Handwerk zu gewinnen. Diese Arbeitskräfte ließ sie sich auch etwas kosten: freies Land, Bauholz, Vieh, Geräte und Steuerleichterungen gehörten zur damaligen Siedlungspolitik.

Ein wahrer „Auswanderungsboom“ in die „Neue Welt“ setzte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Allerdings wagten bereits im 18. Jahrhundert viele den beschwerlichen, gefährlichen Seeweg in Richtung Amerika. Die Auswanderer folgten dem Rhein bis an einen großen Hafen, wie Rotterdam und ließen sich dann auf eine ungewisse und teure Überfahrt ein – getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben. Zwischen 1834 und 1845 betrug die Zahl der Auswanderer 20.000 Menschen im Jahr. In den darauf folgenden Jahren sollte diese Zahl explodieren – von 1845 bis 1855 waren es insgesamt 1,1 Mio. Auswanderer.

Im 20. Jahrhundert wurden durch die Kriegswehen des ersten und des zweiten Weltkrieges wieder große Fluchtbewegungen losgetreten. Ein populäres Beispiel ist die Flucht Albert Einsteins, der jüdischer Abstammung war. Er kehrte nie mehr aus den USA nach Deutschland zurück – wie unzählig viele andere aus Angst vor den Verbrechen des Nationalsozialismus.

War das 19. Jahrhundert durch eine letztlich einmalige Auswanderungswelle gekennzeichnet, die ihresgleichen vergeblich sucht? Irrtum, denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts verlassen ähnlich viele Menschen Deutschland wie im 19. Jahrhundert. Allerdings kehren viele auch wieder heim. Dennoch ist auch am Heimatbegriff das „globale Dorf“ nicht spurlos vorbei gegangen und so stellt sich die Frage: Ist selbst dieser mobil geworden?