Reformation

Reformation-LutherEuropa im 16. Jahrhundert: Nichts bleibt wie es ist. Viele gesellschaftliche und politische Entwicklungen verlaufen parallel zueinander, lösen sich gegenseitig ab oder provozieren wieder eine Gegenbewegung.

Das Fundament der katholischen Kirche ist mehr als marode. Das Papsttum befindet sich in der Krise. Die Nationalstaaten formieren sich, mit Ausnahme Deutschlands. Deutschland gleicht zu dieser Zeit von oben betrachtet einem „dynastischen Flickenteppich“. Nichts mehr als eine Ansammlung von Fürstentümern, die, erdrückt von päpstlichen Steuern und Abgaben, den Ablasshandel der katholischen Kirche immer heftiger kritisieren.

Parallel dazu erobert ein akademischer Geist Europa. Universitäten entstehen und etablieren sich als europäische Wissenschaftszentren. Von Italien aus verbreiten sich die Ideen der Renaissance und des Humanismus über ganz Europa. Im Land mit der Form eines Stiefels etabliert sich das Bürgertum und wird zum Machtfaktor und Impulsgeber. In Deutschland ist der Buchdruck erfunden worden. Er avanciert zum „Wissenskatalysator“, denn er verbreitet die neuen Ideen immer schneller und: Wissen wird immer mehr Menschen zugänglich.

Die „Gutenberg-Bibel“ ist eine Revolution, denn sie ist die erste Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Glaube und Religion kann nun theoretisch jeder – vorausgesetzt man ist des Lesens mächtig (was allerdings längst nicht die Regel war) – selbst nachlesen und eine eigene Meinung dazu entwickeln. Die Kanzel der katholischen Kirche als alleinige Verkündungsinstanz verliert damit mehr und mehr ihr Monopol.

Neben die geistige Macht der Bildung, tritt nun auch ökonomische Macht. In Norddeutschland wird die Hanse zur Handelsmacht. Der Handel blüht, neue Handelswege werden erschlossen und neue Länder entdeckt. Die räumlichen Grenzen werden von Hindernissen zu Herausforderungen. Bei der gebildeten Schicht wächst der Wunsch, die Grenzen auch in den Köpfen zu überwinden.

Die Luft riecht nach Umbruch und Aufbruch. Luther spricht es aus und fordert „Reformatio!“ Ihm werden andere Reformatoren folgen und Calvin wird nur einer davon sein. Martin Luther fordert „sola scriptura“, „nur die Schrift“ und macht sich damit die katholische Kirche zum Feind.

Mit der Reformation und der Gegenreformation bricht ein Konflikt offen aus, dessen Kernproblem bereits in der cluniazenischen Reform (10. und 11. Jahrhundert) fünf Jahrhunderte zuvor thematisiert worden war. Rückbesinnung auf urchristliche Werte, dafür stand schon die Kirchenreform von Cluny und die Bewegung des Bibelhumanismus hatte großen Anteil an der Entstehung der Reformation Luthers.

Und wieder ist besonders die Zivilbevölkerung vom Konflikt der Konfessionen betroffen, denn Heimat ist fortan dort, wo die eigene Religion entweder toleriert wird oder wo der Herrscher die gleiche Konfession hat. Schließlich gilt das Prinzip „Cuius regio, eius religio“, kurz: „wessen Land, dessen Religion“.

Wie so oft in der Menschheitsgeschichte begeben sich Menschen auf eine monatelange Flucht. Von der Angst um das eigene Leben, und dem Wunsch, seinen Glauben leben zu können, getrieben, überwinden die Menschen unvorstellbare Strecken.

Die Bartholomäusnacht ist der grausame Höhepunkt dieser Verfolgung in Frankreich. In diesem Massaker an den französischen Hugenotten in der Nacht zum 24.August 1572 werden 3.000 bis 10.000 Menschen in Paris ermordet. Diese Verbrechen an den Hugenotten gehen in der französischen Provinz noch Wochen lang weiter. Mit der Konsequenz, dass ca. 200.000 Hugenotten in Nachbarländer fliehen. Ziele sind u.a. die Schweiz, England und Deutschland.

Durch das Edikt von Nantes (1598) entspannt sich die Lage für die französischen Hugenotten etwas – bis Kardinal Richelieu das Schicksal Frankreichs zu lenken beginnt. Sein Einfluss ist es auch, der den französischen König dazu veranlasst, 1685 den Hugenotten die Ausübung Ihres Glaubens zu verbieten. Aus Angst vor erneuten Repressalien setzt eine neue Fluchtwelle ein.

In manchen Fürstentümern werden sie jedoch mit offenen Armen empfangen. Warum? Der Dreißigjährige Krieg hat viele deutsche Gebiete vollkommen entvölkert. Land liegt brach, ganze Gehöfte und Ortschaften sind in wahrsten Sinne des Wortes in Totenstille versunken. Schließlich sind Ihre Bewohner seit über 30 Jahren tot – umgebracht durch die einfallenden Truppen. Die Geburtenrate kann diese Verluste an Menschenleben bei weitem nicht ausgleichen.

Guter Rat ist in dieser Situation nach 30 Jahren Krieg teuer und so lässt sich mancher Herrscher die Aufnahme der Glaubensflüchtlinge eine Menge kosten – so auch der Kurfürst von Preußen Friedrich Wilhelm. Steuerbefreiungen, Land und Anschubfinanzierungen waren dabei nur ein Teil dessen, was er den Glaubensflüchtlingen bot. Das wichtigste Gut für diese Menschen war jedoch ein anderes: Er ließ sie Ihren Glauben leben. Nebenbei bemerkt waren die ca. 20.000 Flüchtlinge in seinem Fürstentum auch noch aus einem anderen Grund sehr willkommen: Sie hatten die „richtige“ Religion – nämlich seine, und die war in seinem Reich in der Minderheit.