Lebenserwartung

Die Lebenserwartung im 19. Jahrhundert

„Die alternde Gesellschaft“ – über diese Diskussion hätten die Menschen vor 200 Jahren verständnislos die Köpfe geschüttelt. Schließlich betrug im 19. Jahrhundert – statistisch gesehen – die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern 35,6 Jahre und bei Frauen 38,4 Jahre.

Mütterlose Kinder, Männer ohne Ehefrau, Witwen – das war zu Beginn des 19. Jahrhunderts kein seltenes Bild. Wie diese Zahlen zustande kamen, zeigt eine kleine Geschichte aus einer unserer Familienforschungen: So ergab diese Forschung, daß ein Ahn fünfmal (!!!) geheiratet hatte, da ihm vier Ehefrauen weggestorben waren. Was ihm blieb waren 23 Kinder aus vier Ehen, die die fünfte Ehefrau mit ihren eigenen zusammen groß ziehen musste.
Regelrecht dahin gerafft wurden die Frauen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts durch das sog. Kindbettfieber bei Geburten. Die Frauen waren fast chancenlos gegen die katastrophalen hygienischen Verhältnisse – besonders während der Entbindung.

Ein heute ebenso unvorstellbares Bild ergibt sich, wenn man sich dem traurigen Kapitel der Säuglings- und Kindersterblichkeit zuwendet. Die Tatsache, daß häufig nur eines von 12 Kindern erwachsen wurde, illustriert die Dramatik dieses Themas. Heute (2002) ist die Zahl der Säuglings- und Kindersterblichkeit mit 0,79 % minimal geworden, während 1780 14% der Säuglinge starben. Viele kamen dann nicht über das Kleinkindstadium hinaus. Besonders Findelkinder, die ihr Dasein in Heimen fristen mussten, überlebten oft das Kleinkindalter nicht.

Lebenserwartung im 19. Jahrhundert

Lebenserwartung im 19. Jahrhundert

Die Ursachen dieser geringen Lebenserwartung? Unter anderem eine schlechte Ernährung, katastrophale Hygienebedingungen und die damit verbundenen Krankheiten. Doch wie sollte man verhindern, daß eine Krankheit ausbrach und sich zugleich rasend schnell verbreitete? Schließlich musste – um nur ein Beispiel zu nennen – ein Brunnen für alle und alles genügen. Hier holte der Vater mit den Kindern das Wasser für das Vieh, anschließend schrubbte die Großmutter dort die Wäsche und zuletzt schöpfte die Mutter noch Wasser zum Kochen.

Es war das einfache und in der Regel bitterarme Volk, das unter Krankheiten und grassierenden Seuchen am meisten litt. Es lebte in vollkommen heruntergekommenen Stadtvierteln, Ortschaften oder einsamen Gehöften, wo alles gleich armselig aussah. Hier rannten die Kinder Sommer wie Winter mit viel zu dünnem Schuhwerk (wenn überhaupt!) im Dreck herum. Die Ratten huschten durch Häuser und Gassen.

Alltagsgeschichte lässt sich nur mühsam rekonstruieren. Wir wissen wenig über das Leben der „breiten Masse“, denn ihr alltägliches Leiden und Sterben war meist nicht überlieferungswürdig. Im günstigsten Fall berichten Kirchenbücher über die Todesursachen dieser Menschen. Doch genau diese Menschen sind die Vorfahren der meisten von uns. Hat ein Genealoge Glück, dann sind ihre (vermeintlichen) Todesursachen in den Kirchenbüchern über einen längeren Zeitraum regelmäßig festgehalten worden. In diesen Fällen lässt sich so anhand der Einzelschicksale manchmal nachvollziehen, wo z.B. Epidemien wüteten.
Dennoch ist bei diesen Quellen zu beachten: Kirchenbücher wurden nicht von Ärzten geführt. Aus diesem Grund sind „Fehldiagnosen“ sehr häufig.

Heute vollziehen wir den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Doch dazu musste Deutschland erst einmal zur Industriegesellschaft werden. Dieser Wandel vollzog sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Heute wie damals wurde die Gesellschaft in ihren Grundpfeilern erschüttert und umgebaut. Die Konsequenzen dieses Umbruchsprozesses waren gewaltig und mit ihnen begann eine neue Zeitrechnung.

Arbeit fand von nun an nicht mehr unter freiem Himmel – Wind und Wetter ausgesetzt – statt, sondern in Fabrikhallen, ohne Rechte und ohne Arbeitsschutz. Mit den Arbeitsformen und -inhalten veränderte sich das gesamte Leben der Menschen. Die Schlafkoje auf dem alten und heruntergekommenen Gehöft wurde gegen die Pritsche in einem Schlafsaal für Fabrikarbeiter eingetauscht. Der Dreck der Stadt und der Fabrikumgebungen wurde zum Spielplatz der Arbeiterkinder.

Die Missstände wuchsen und damit der sozialpolitische Handlungsbedarf: Mit den zaghaften Anfängen einer Sozialpolitik stieg die durchschnittliche Lebenserwartung. Ein besseres Leben war für einige Menschen ganz langsam nicht mehr vollkommen unmöglich. Zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert erreichte die Lebenserwartung ein bisher nie gekanntes Niveau von durchschnittlich 44,8 Jahren bei Männern und 48,3 Jahren bei Frauen. Seit Beginn dieses grundlegenden Gesellschaftswandels haben diese Zahlen nicht mehr aufgehört, zu steigen. Im Gegenteil: Wir werden immer älter und die Gesellschaft wandelt sich wieder.