Familienforschung in Ostfriesland

Familienforschung bereitet z.B. in Ostfriesland oft deshalb besondere Schwierigkeiten, weil noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein nicht jedermann einen festen Familiennamen besaß oder einmal angenommene Namen wieder aufgegeben und durch andere ersetzt wurden, ohne daß etwa Behörden dabei mitwirkten und es aktenkundig gemacht hätten. Den Kirchen bedeuteten die Familiennamen nicht viel. Sie legten erst Wert auf diese, wenn sie sich selbst nicht mehr durch ihre Bücher durchfinden konnten.

Im 16. Jahrhundert wurde jede Person in Urkunden und Kirchenbüchern mit dem Rufnamen und einem weiteren Namen als Nachname genannt. Der Vorname war in der Taufe gegeben worden; ihn behielt man ein Leben lang. Den Nachnamen aber hatte man erst im späteren Leben erhalten, wenn es nötig wurde, sich von anderen Personen mit gleichem Vornamen zu unterscheiden. Dies konnte zum Beispiel bei Einträgen/Unterschriften in Steuerlisten, bei notariellen oder gerichtlichen (Ver-)Handlungen, der Heirat oder bei Taufen der Kinder eintreten. Aber einen verbindlichen zusätzlichen Namen zum Vornamen hatte die Person dadurch nicht erhalten. Man wählte eine Bezeichnung, die gerade zweckmäßig und ausreichend schien. Als sich dann im Laufe der Zeit ergab, daß jeder einen Nachnamen bekommen mußte, suchte man sich selbst einen Namen aus, den man führen wollte. Ging dieser Name dann auf die Kinder über und wurde er auch von den weiteren Nachkommen nicht wieder aufgegeben, so wurde er zum festen Familiennamen.
Neben anderen Gruppen von Namen (nach Berufen, Herkunftsorten, Charaktereigenschaften etc.) finden sich in Ostfriesland vor allem die nach Vornamen gebildeten Nachnamen. Eine Person einfach als Kind ihres Vaters zu bezeichnen, ihr dessen Vorname, unter dem er gerufen wurde, als Nachname beizugeben, lag nahe. Der Vorname des Vaters wurde also in der Form des Genitivs dem Taufnamen des Kindes angehängt, wurde damit dessen Nachname. Die Folge war, daß jede Generation einer Familie einen anderen Nachnamen bekam. Die ältesten aus Vornamen gebildeten Nachnamen in Ostfriesland stammen aus der Zeit vor 1500, als man noch friesisch sprach. Manche von ihnen sind feste Familiennamen geworden.

Durch solche patronymische Namengebung konnte schon die dritte Generation einer Familie völlig verschiedene Nachnamen führen, so daß eine Abstammung von gemeinsamen Großeltern nicht mehr erkennbar ist. Hießen beispielsweise Ulfert Onnens und Trientje Janssens beide Söhne Weert Ulffers und Reemt Ulffers, so führten deren Kinder wiederum die Nachnamen Weerts und Reemts.
Manchmal erhielt eine Person nicht den Vornamen ihres Vaters, sondern den eines anderen Verwandten als Nachname. So gab man dem ältesten Sohn bei der Taufe bisweilen den Vornamen und den genitivischen Nachnamen seines Großvaters mütterlicherseits, da dieser Großvater aufgrund seines Vermögens geehrt werden sollte. Der älteste Sohn aus der zweiten Ehe einer Frau wurde gewöhnlich mit den beiden Namen ihres verstorbenen Ehemannes bedacht während die weiteren Kinder den Vornamen ihres wirklichen Vaters als Nachname trugen. In diesen Fällen hat man es somit nicht mit patronymischen Nachnamen zu tun – ein Umstand, der oft zu Fehlschlüssen führt, da man gerne dem Nachnamen des Sohnes den Vornamen des Vaters entnehmen möchte.

Eine Frau behielt im allgemeinen auch in der Ehe ihren Mädchennamen. Sie legte aber manchmal auch ihren alten Nachnamen ab und nahm den Vornamen ihres Ehemannes als Nachnamen an, führte dann also denselben wie ihre Kinder. Sie konnte ebensogut den Nach- oder Zwischennamen ihres Vaters oder Ehemannes als Nachnamen bekommen. Sechs verschiedene Namen, die vielleicht alle patronymisch klangen, konnten somit einer verheirateten Frau gegeben werden. Manchmal finden sich auch in derselben Urkunde verschiedene Benennungen für dieselbe Frau. So heißt Trine, die Ehefrau von Jasper Balsters, 1609 in einer Urkunde einmal Trine Balsters, einmal Trine Jaspers.

Bei Eintragungen von Taufen in Kirchenbüchern wird der Name der Mutter häufig gar nicht oder aber nur der Vorname genannt. Oft war die Trauung der Eltern an einem anderen Ort erfolgt. Dann kann es schwierig sein, den Nachnamen der Mutter überhaupt zu erfahren. Daß Witwen den Vornamen ihres verstorbenen Ehemannes als Nachnamen annahmen, war sehr verbreitet. Heiratete sie wieder, so wurde sie vielleicht mit dem Vornamen ihres neuen Ehemannes als Nachname bezeichnet. So hieß Jabe Taden als Witwe von Focke Carstens erst Jabe Focken. Als sie dann Dirk Hillrichs heiratete, wurde sie Jabe Dirks genannt.
Wenn für eine Familie, von der schon einige Generationen bekannt sind, plötzlich ein bisher nicht genannter Nachname auftaucht, so wird es sich um einen handeln, den sie schon lange als ihren ansah, der aber in den für die Forschung bisher zur Verfügung stehenden Quellen nicht genannt wird. Gelegentlich ist festzustellen, daß alte Nachnamen, die schon Generationen hindurch geführt wurden, von der Familie aufgegeben und durch andere ersetzt wurden.

Die vielfältigen Möglichkeiten für die Namensbildung führte in einigen Fällen dazu, daß Mitglieder ein und desselben Geschlechts, sogar Brüder, verschiedene Nachnamen trugen, die dann ihre Nachkommen beibehielten. So finden sich unter den Nachkommen des Landwirts Geerd Wessels, der 1696 heiratete, elf verschiedene Namen.
Wenn für zwei Töchter schon die Namen der Mutter und der Großmutter vergeben worden waren, so konnte auf die nächstfrühere Generation zurückgegriffen werden. Auch Großtanten/-onkel oder die Großtante der Tochter eines Neffen standen gelegentlich bei der Namensgebung Pate.

Weder Preußen, dem das Land bis 1807 gehörte, noch die Verwaltung des Königreichs Holland, der es dann bis 1810 unterstellt war, sahen sich veranlaßt, auf die Einführung fester Familiennamen zu drängen. Erst nachdem Ostfriesland französisch geworden war, wurde, um die Erhebung der Steuern zu erleichtern und Militärdienstpflichtige besser erfassen zu können, die Annahme von festen Familiennamen für jedermann verbindlich gemacht.

In der Folge mußten Verzeichnisse mit den festen Familiennamen aller Einwohner angefertigt werden. Wer noch keinen Namen besaß, konnte einen wählen, den er zu Protokoll gab. Die meisten dieser Namen setzten sich jedoch nicht durch, da sie im täglichen Leben nicht verwendet wurden. Sie gerieten wieder in Vergessenheit, als die französische Herrschaft 1813 zu Ende ging. Die Führung der Register, die auch nicht von allen Kommunen eingerichtet worden war, wurde wieder aufgegeben. Alle Aufzeichnungen über Geburt, Heirat, Tod erfolgten wie zuvor durch die Kirchen. In ihre Bücher wurde jede Person unter demjenigen Namen eingetragen, unter dem sie dem Buchführer bekannt war oder den sie selber angab.

So heißt es 1811 in einer Eintragung über die Geburt eines Kindes der Eheleute Roelf Janssen Buß und Marie Otten im Kirchenbuch zum Namen des Vaters: „auch Roelf Lorenz Schoone und Rolf Janssen Lorenzen, jetzt nennt er sich Roelf Janssen Buß“. Bis 1826 stehen dann Kinder dieses Ehepaares unter den Namen Schoone oder Lorenzen oder Buß in den Kirchenbüchern. Nur der Name der Mutter kann in solchen Fällen einen Hinweis darauf geben, zu welcher Familie die Kinder gehören.
Die Beamten des Königreichs Hannover, das 1815 die neue Regierung übernommen hatte, brauchten elf Jahre, um sich in die ihnen völlig fremden Verhältnisse in Ostfriesland einzuarbeiten. 1826 erschien eine Verordnung über die Annahme fester Familiennamen, deren Einhaltung jedoch zu wünschen übrig ließ. Ein weiterer Versuch, jedem Untertanen zu einem festen Familiennamen zu verhelfen, schlug 1828 fehl. Das Amt Esens meldete im Jahre 1829: „(…) Es wird wohl noch eine geraume Zeit darüber hingehen, bis die Amtseingesessenen ihren Kindern solche Namen geben, wie sie in der übrigen Christenheit gebräuchlich sind“. Immer wieder wurden Familiennamenregister der Einwohner angelegt, jedoch nicht in allen Gemeinden. Dabei wurden Namen neu angenommen, bereits vorhandene durch neue ersetzt und später dann doch wieder vergessen.

Welche Schwierigkeiten der Familienforschung durch diese Besonderheiten entstehen, kann man sich leicht vorstellen. Einige Beispiele veranschaulichen die Probleme: Jann Boolken, der 1812 den Namen Bollmann zusätzlich angenommen hatte, änderte diesen jetzt „aus bewegenden Ursachen“ in Blumenhoff, hieß also fortan Jann Boolken Blumenhoff. Jürgen Hinderks Kiek wollte künftig Jürgen Hinderks Janssen heißen, Jannes Esderts Focken ließ sich als Jannes Esderts Hoffmann eintragen; Harm Harms Buskohl wurde in Harm Bruns umbenannt. Jan Willms nahm 1829 in Norden den Namen Saake Jeremyas Belleynga an. Nach seiner Angabe war das sein eigentlicher Name. Er habe den Namen Jan Willms 1808 in den Niederlanden angenommen, wohin er damals, um der Militärpflicht zu entgehen, entwichen sei.

1855 sah man sich veranlaßt, neue Listen aufzustellen, da die alten Verzeichnisse nicht weitergeführt worden waren. Viele Personen wollten aber gar keine Familiennamen führen, so daß schließlich oft nichts anderes übrigblieb, als den Abstammungsnamen, welcher nach ostfriesischer Sitte der Vorname des Vaters ist, als Familienname in die Kirchenregister einzuschreiben. Auf die Frage der Pfarrer nach dem Namen einer Person wurde meist nur der bzw. die Vorname(n) angegeben und der Kirchenbuchführer war genötigt, sich selbst zu helfen, so gut es ging.

Seither ist von Maßnahmen von hoher Regierungsstelle keine Rede mehr. Man gab sich Mühe, für Eintragungen in die Kirchenbücher künftig nur feste Familiennamen zu verwenden. 1874 wurden die Standesämter eingerichtet, die auf feste Familiennamen bestehen mußten. Im privaten Verkehr wurden diese jedoch, wenigstens auf dem Lande, noch lange als überflüssig angesehen. Im kleinen Kreis der Dorfgemeinschaft kannte man sich ja sowieso.

Aus dem Jahre 1910 ist folgender Fall bekannt: Beim Aufruf von eingezogenen Rekruten fehlte anscheinend einer, denn auf das Vorlesen eines Namens hin hatte sich keiner gemeldet. Einer der Anwesenden blieb jedoch schließlich übrig und erklärte, nicht aufgerufen worden zu sein. Als man sich nun seinen Geburtstag und seinen Vornamen nennen ließ, mußte man feststellen, daß er sich beim Aufruf seines Familiennamens (!) nicht gemeldet hatte. Er meinte, dieser sei ihm gar nicht bekannt, er habe ihn noch nie gehört. Seinen Vater kannte auch jeder nur unter seinem Vornamen.

Im Jahre 1934 wurde berichtet, daß noch in diesem Jahr in manchen Dörfern unter der älteren Generation die Männer im täglichen Verkehr ausnahmslos mit ihren Vor- und Zwischennamen genannt wurden. Ein Tjark Frerichs sagte, als wenn er von einer sein innerstes Wesen nicht berührenden Äußerlichkeit spricht: „Wi schrieven uns Hinrichs“. Wenn man aber im Dorf nach Hinrichs fragte, erhielt man nach langem Überlegen die Antwort: „Ach so, Se meenen Tjark Frerichs“.

Quelle: Deutsches Geschlechterbuch. Band 134, Ostfriesisches Geschlechterbuch. Hrsg. E. Strutz. Limburg/L. 1963. Sonderdruck aus dem fünften Ostfriesenband. Darin Aufsatz von Carl Maaß: Vom Nachnamen zum festen Familiennamen in Ostfriesland. Quellen und Schrifttum für die ostfriesische Familienforschung.