Meine Verbindung zu …

In vielen Familien gibt es sie: Mythen, Legenden und Sagen gemäß derer die Familie in Verbindung stehe mit manch illustrer Herrschergestalt oder einem genialen Geist aus Wissenschaft und Kultur. Wie diese Verbindung aussehe, darüber weiß zuweilen nicht einmal derjenige genaueres, der die Geschichte eben noch zum Besten gab. Doch wer will ihm schon widersprechen? Über einen langen Zeitraum ist die Erzählung gewachsen, wurde stolz umhegt, gepflegt und weitergetragen; und mit jeder weiteren Wiederholung wurde die Geschichte nach dem Prinzip ‚Stille Post’ noch aufregender oder gar schockierend ausgeschmückt. Sie muss einfach stimmen.

Narrative dieser Art gibt es seit Menschengedenken. Schon im antiken Rom beriefen sich die einflussreichen Aristokratenfamilien auf Gottheiten, erhoben diese zu ihren Haus- und Schutzgöttern und machten sie sogar zu ihren direkten Vorfahren. So nahm beispielsweise das Geschlecht der Julier, der Familie C. Julius Caesars, für sich in Anspruch, sie seien Nachfahren des legendären Aeneas, Stammvater der Römer und Sohn der Liebesgöttin Venus. Wir dürfen skeptisch sein. Ähnliche Geschichten – allerdings meist eine bis zwei Nummer kleiner – werden auch immer wieder an uns herangetragen mit dem Wunsch nach Klärung. Dem kommen wir gerne nach.

Unsere Historiker und Genealogen sind ungern Spielverderber. Nichtsdestoweniger müssen sie die Quellen und die historische Faktenlage bei der Suche nach Geschichte(n) berücksichtigen. So manche Legende entpuppte sich tatsächlich schon als historisches Faktum, andere umrankten zumindest einen wahren Kern. Manchmal sind die legendären Erzählungen aber eben das, was sie sind: nur Legenden und Fiktion. Doch selbst das ist nicht weiter tragisch, im Gegenteil! Tatsächlich werden einst heißgeliebte Familienlegenden bereitwillig ad acta gelegt: wie etwa, dass die Vorfahren Raubritter gewesen seien, und aufgrund ihrer Duellverliebtheit, den Adel hätten ablegen müssen. In Kenntnis der Ergebnisse einer Familienforschung werden sie durch ehrbare Handwerker und hart arbeitende Tagelöhner ersetzt. Diese besitzen den unüberbietbaren Vorzug, dass sie echt und historisch verbrieft sind. Auch mit diesem neuen Personal lässt sich eine interessante historische Welt bevölkern und eine beeindruckende Geschichte stricken – diese kommt dann aber ohne Seemannsgarn aus.

geschrieben von: Clemens Kech

Clemens Kech

Geboren 1985 in Ulm studierte Clemens Kech Englisch und Geschichte am Connecticut College, USA und an der Universität Stuttgart. Seit 2007 mit unserem Haus verbunden, hat er 2016 die Leitung der Abteilung Genealogie übernommen.

Kommentar schreiben

  • (wird nicht veröffentlicht)

XHTML: Sie können diese Auszeichnungen nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>