Keine Reise ohne Familiengeschichten

Können Genealogen eigentlich reisen, ohne an Familiengeschichten zu denken?

Die Anreise zum Genealogentag in Gotha führte uns – zufällig oder auch nicht – direkt in die Stammheimat eines Pro Heraldica-Kunden: Ohrdruf nahe Gotha. Schuld war eine große Umleitung vor Ohrdruf, und so war es nur selbstverständlich, uns in der Heimatstadt jenes 1685 geborenen Georg Hertel einmal umzusehen. Dieser hatte nämlich einen wahrlich abenteuerlichen Lebensweg, der nur durch spitzfindige, aktenintensive und äußerst geduldige genealogische Arbeit zu Tage getreten war:

Geboren als Sohn des gräflich-herrschaftlichen Schafmeisters und Ohrdrufer Bürgers Hans Herttel war Georg ein Untertan der Grafen von Hohenlohe-Gleichen. Dieser Hohenloher Zweig hatte die Grafschaft Gleichen durch Erbschaft seit 1631 inne. Die Grafen bewohnten in Ohrdruf das Schloss Ehrenstein, doch ihr Stammgebiet liegt im Norden des heutigen Baden-Württemberg.

Als Georg Hertel im zehnten Lebensjahr stand, kam ein gleichaltriger Junge nach Ohrdruf, welcher Dank seiner Genialität später hoch berühmt werden sollte: Johann Sebastian Bach! Die Eltern waren gerade verstorben, und so wurde er von seinem großen Bruder Johann Christoph aufgenommen, damals Organist der St. Michaeliskirche und von nun an auch Johann Sebastians erster Orgellehrer. Wer weiß: Vielleicht sind sich die Buben Georg und Johann Sebastian beim Spielen, beim Singen im Knabenchor, in der Schule oder auf Wegen zwischen Schloss und Kirche begegnet? Wenn etwa Georg dem Vater beim Schafehüten half oder Botendienste zum Grafen übernahm?

Georg Hertels späterer Landesherr, Karl Ludwig von Hohenlohe-Gleichen, war nur elf Jahre älter. Beide heirateten im gleichen Jahr und Monat (November 1713) weit weg von Ohrdruf, und zwar in nördlichen Regionen des heutigen Baden-Württemberg. Graf Karl Ludwig lebte inzwischen in Weikersheim und ehelichte damals im nicht allzu weit entfernten Oettingen (heute Bayern) seine zweite Frau, die Gräfin von Oettingen-Oettingen. Möglicherweise war Georg Hertel durch seinen Herrn in den Südwesten gekommen. Denn sein Beruf war Jagdzeugschmied, und das Jagen stand den Herren zu. Vielleicht hatte er im Ohrdrufer Tobiashammer gelernt. Wie der Graf, so heiratete auch Georg Hertel zweimal. Doch während diese gräfliche Linie 1744 ausstarb, begründete der Schäfersohn eine große Familie (einer seiner Söhne zog später noch weiter weg an den Niederrhein). Allerdings hatte Georg Hertel spätestens bei seiner Heirat 1713 einen neuen Herrn: Der evangelisch-lutherische Jagdzeugschmied war nämlich in die von Ludwig XIV. Truppen gebrandschatzte, vorwiegend reformierte Kurpfalz weitergezogen. Er lebte ab da in Leimen (ja: die Heimat von Boris Becker).

Doch die Stammheimat der Hertel ist Ohrdruf und Umgebung. Die Schäferei war dort, wo vor hunderten von Jahren nicht viel zu holen war, neben dem Tobiashammer ein wichtiger Wirtschaftszweig. Und so freuten wir uns sehr, gleich bei der Ankunft im beschaulichen einstigen Residenzstädtchen vor der „Fleischerei Hertel“ zu stehen (leider gerade geschlossen) und am Schloss Ehrenstein die kleine Figureninstallation einer behüteten Schaf- und Ziegenherde vorzufinden.

(Ach, übrigens: Umgeleitet auf wunderschönen Straßen im herbstlichen Thüringer Wald, fuhren wir schließlich genau dort nach Gotha hinein, wo sich rechterhand ein großes Lager der Brauerei Oettinger befindet, gegründet 1731 in Oettingen. Historiker fragen sich natürlich gleich: Gibt es etwa auch da einen historischen Zusammenhang? Was sagt die Firmenchronik dazu, sofern es eine gibt?)

Präsentiert von DT Author Box

geschrieben von: Birgit Scheible

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