Durch Hektik zur letzten Ruhe

HektikDass Hektik und überzogene Eile nicht zu den gesundheitlich förderlichsten Dingen zählen, ist ein Allgemeinplatz. Die alljährlich turbulente Vorweihnachtszeit wie auch die darauf folgende Zeit zwischen den Jahren bis Dreikönig – quasi als deren Gegenpol – haben dies uns jüngst wieder einmal vor Augen geführt. Ja, durch den Ausspruch des Kaisers Augustus „festina lente!“ (Eile mit Weile!) wurde die Mahnung zur Langsamkeit zu einer allseits bekannten Redewendung. Dass Hektik wie in unserem nachfolgend beschriebenen Fall einer Familienforschung aus Bayern sogar als Todesursache herangezogen wurde, genießt jedoch Seltenheitswert – jedoch aus anderen Gründen.

Im Kirchenbuch der Gemeinde Irlbach bei Regensburg vermerkte der Pfarrer seinerzeit bezüglich der Umstände wie Veit S.* zur letzten Ruhe fand folgende Zeilen:

1831 August. Gonnerdorf. Veit S. aedult.
Die 9 huius hora 1 meridie hectica, Sub cura chirurgic Etzinger de Starkenhof, omnibus m. sacramentis provisus mortuus et die 11 a me sepultus est Veit S. Textor in Gonnerdorff, aet. 72 annorum.

Übersetzung:

1831. August. Gonnerdorf. Veit S., Erwachsener.
Am 9. Tag des Monats zur 1. Stunde des Mittags starb Veit S., Weber in Gonnersdorf, in Behandlung des Chirurgen Etzinger von Starkenhof an Hektik, mit allen Sterbesakramenten versehen, und wurde am 11. Tag von mir begraben im Alter von 72 Jahren.

Nur mit viel Fantasie erblickt man nun in vorliegendem Sterbeeintrag einen Beleg dafür, dass bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das geschäftige Treiben der Weber in der oberpfälzischen Provinz ein Maß erreichte, die den Mann dahingerafft hätte. Nein, vielmehr handelt es sich bei dem lateinischen Wort „hectica“ um einen selten verwendeten historischen Krankheitsbegriff. Dieser verweist darauf, dass der Betroffenen „mit etwas behaftet“ ist. Gemeint ist die fleckige Wangenrötung bei Tuberkulosepatienten, die auch als „hektische Rötung“ bezeichnet wurde. Aufgrund der lange anhaltenden Fieberperioden, die bei einer Tuberkuloseerkrankung auftreten können, wurde die Krankheit auch „hektisches Fieber“ genannt.

Wenngleich die Begriffe „hectica“ und „Hektik“ nun zwei gänzlich verschiedene Dinge meinen, so verbindet sie doch eines. Beide sind falsche Freunde: hectica im linguistischen Sinne, Hektik im täglichen Leben.

(*Name geändert; Quelle: Kath. Kirchenbuch Irlbach, J.H. Barth: Genealogisch-Etymologisches Lexikon Bd.1, S. 403.)

geschrieben von: Clemens Kech

Clemens Kech

Geboren 1985 in Ulm studierte Clemens Kech Englisch und Geschichte am Connecticut College, USA und an der Universität Stuttgart. Seit 2007 mit unserem Haus verbunden, hat er 2016 die Leitung der Abteilung Genealogie übernommen.

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