Ein Trunkenbold in Wiesenbronn

Einträge in Kirchenbüchern zu Geburt, Taufe, Heirat, Tod und Begräbnis sind üblicherweise geprägt von nüchterner Sachlichkeit und beschränken sich in aller Regel auf das Wesentlichste: lediglich die Namen der beteiligten Personen, der Ort des jeweiligen Vorgangs und das Datum der Amtshandlung werden festgehalten. Schließlich handelt es sich in erster Linie um einen Verwaltungsvorgang. Persönliches hat meist keinen Platz und überdauert daher nur selten die Jahrhunderte. Manchmal haben unsere Genealogen jedoch Glück. Bei einer von Pro Heraldica durchgeführten Familienforschung, die sich insgesamt sehr erfolgreich entwickelte, stieß man auf folgenden kurzen, aber umso aussagekräftigeren Begräbniseintrag aus Bayern:

(1715) Den 4. Marty (März) Jacob L. welcher vor 10 Wochen vom Pferd in (den) Bach fallend das Bein zweymal gebrochen und sonst dem Trunk sehr ergeben gewesen, alt 61 (Jahre) zur Erde bestattet. Text Hiob 5. Seelich der Mensch den Gott strafet. (Quelle: Quelle: Kirchenbuch Wiesenbronn/Bayern. Geburten/Taufen, Trauungen, Sterbeeinträge 1689-1744.)

Verweise in Kirchenbucheinträgen

Der damalige Pfarrer, der diesen Kirchenbucheintrag verfasste, hat der Nachwelt bzw. den erstaunten Nachfahren gleich mehrere Informationen hinterlassen. Vor allem der Verweis auf die Vorliebe des Verstorbenen zum Genuss alkoholischer Getränke überrascht und ist sicherlich als Seitenhieb zu interpretieren. Bei besagtem Trunk dürfte es sich höchstwahrscheinlich um Wein gehandelt haben, da in Wiesenbronn seit Jahrhunderten der Weinanbau heimisch ist. Noch heute bezeichnet sich die Gemeinde Wiesenbronn als „Rotweininsel am Steigerwald“ (Quelle: Vgl. www.wiesenbronn.de). Als protestantischer Pfarrer (Kirchenbuch und Verstorbener sind evangelisch) dürfte der Autor zudem überaus kritisch dem Alkoholkonsum gegenübergestanden haben, wie allgemein die damalige evangelische Geistlichkeit. Bereits von dem Reformator Martin Luther ist der Satz überliefert: „Es muß ein jeglich Land seinen eigenen Teufel haben, Welschland seinen, Frankreich seinen, unser Deutscher Teufel wird ein guter Weinschlauch seyn, und muß Sauff heißen, daß er so durstig und hellig ist, der mit so großem Sauffen Weins und Biers nicht kann gekühlt werden […].“ (Quelle zitiert nach: Artikel „Trinken und Trinksucht“, in: Krünitz, Johann Georg: Ökonomisch-technologische Encyklopädie, Berlin 1846, S. 120.) Der Ahn hatte offenbar gerne Wein getrunken und dies zuweilen im Übermaß.

Wiliam Hobarth – A Midnight Modern Conversation, 1731(iv)

Wiliam Hobarth – A Midnight Modern Conversation, 1731 (Quelle: wikipedia.de)

 

Nichtsdestoweniger hatte der Pfarrer wohl auch Mitleid mit dem Verstorbenen, wenn wir davon ausgehen, dass sein Tod in Zusammenhang mit dem Sturz vom Pferd zehn Wochen zuvor steht. Eingedenk der Tatsache, dass die damalige Medizin noch nicht die Möglichkeiten von heute besaß, musste der Verstorbene vor seinem Tod sicherlich große Schmerzen erdulden. Dieser Umstand liefert denn eine möglich Erklärung für die Wahl des Grabspruchs aus dem Buch Hiob (5:17). Dort heißt es: „Siehe, selig ist der Mensch, den Gott strafet […].“ Auch Hiob musste großes Leid und Pein vor seiner Erlösung erdulden.

Persönliche Anmerkungen verleihen Profil

Solche und andere Kirchenbucheinträge mit sehr persönlichen Anmerkungen zum Betroffenen oder mit Kritik des Pfarrers geben oftmals ein gutes Bild der früheren Umstände und des Zeitgeistes wieder. Es sind Einträge wie diese, die dem Vorfahren fast 300 Jahre nach seinem Tod ein menschliches Profil verleihen und als Individuum greifbar machen. Weitere Beispiele lassen sich vor allem zu Bräuten finden, die schwanger vor den Traualtar traten und oftmals mit sehr harten und abwertenden Begriffen versehen wurden.

geschrieben von: Clemens Kech

Clemens Kech

Geboren 1985 in Ulm studierte Clemens Kech Englisch und Geschichte am Connecticut College, USA und an der Universität Stuttgart. Seit 2007 mit unserem Haus verbunden, hat er 2016 die Leitung der Abteilung Genealogie übernommen.

Kommentar schreiben

  • (wird nicht veröffentlicht)

XHTML: Sie können diese Auszeichnungen nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>